Der Tag, an dem der Terror kam und der Grant ging

Jeder Wiener hat sie: diese eine Geschichte über das "Bermuda Dreieck". Erzählungen, ja vielmehr Legenden, die in feuchtfröhlichen Runden immer wieder heraus gekramt werden. Meine ist diese: im zarten Alter von fünfzehn Jahren habe ich hier auf einem, vom verschütteten Bier klebrigen Tisch stehend, einer Kellnerin einen Heiratsantrag gemacht. Fünfzehn Minuten später übergab ich mich in einem U-Bahn Wagon (es tut mir immer noch leid, Wiener Linien).

Heute scheinen solch unbeschwerte Tage der Jugend noch weiter entfernt, als sie es ohnehin sind. Vor den Lokalen sind Blumen aufgebahrt, Markierungen der Tatorte sind auf den Boden gesprayed. Die vier Einschusslöcher einer Glastür sehen aus wie eine Filmkulisse. Vor dieser versucht eine Frau eine Kerze anzuzünden, doch der Wind bläst sie immer wieder aus, bis ein Passant zu ihr geht und seine Hände schützend über die Flamme hält.

Wo sonst das Leben pulsiert, liegt heute eine Stille über der Seitenstettengasse. In Wien ist die Ruhe ein heiliges Gut. Sie wird verordnet, eingemahnt und gepredigt. Sie ist das Erste, was neue Wiener annehmen müssen, wenn sie hier ankommen. Schnitzel essen ist keine Pflicht, Falco muss nicht jeder mögen - aber bei den Ruhezeiten gibt es keine Kompromisse. Dessen ungeachtet gibt es auch in Wien Orte, an denen diese Regel außer Kraft gesetzt wird. Der nahegelegene Schwedenplatz ist so einer: es ist der räudigste Fleck der gesamten Innenstadt, und genau deshalb ist er so wunderschön. Hier darf jeder im Sommer sein Eis auspatzen und im Winter die Sauce der Nudelbox auf den eisernen Sitzgelegenheiten verteilen. Hier ist Wien nicht Schönbrunn, wo man keinen Grashalm umknicken darf und keine Hofburg, wo man mit jedem Schritt jahrhundertealte Geschichte unter den schmutzigen Schuhen tritt. Dieses Viertel ist zum Leben da, und zum Laut sein. Doch seit drei Tagen herrscht hier Stille. Es ist nicht das bloße Fehlen von Geräuschen, es ist vielmehr ein Zustand, der grundlegend falsch ist, der beklommen macht, einen die Tränen in die Augen treibt. Wenn hier im Herzen Wiens der Ton abgedreht wird, dann schlägt die ganze Stadt leiser.

Es liegt in unserer menschlichen Natur, dass wir auch die schlimmsten Ereignisse verarbeiten können. Dass wir Kriege, Seuchen und Katastrophen wegstecken, aufstehen und weitermachen. Als einzige Spezies des Planeten sind wir uns unserer Endlichkeit bewusst, wir haben sie zwar nicht akzeptiert, aber doch zumindest verdrängt. So haben wir als Menschheit im Laufe der Jahrhunderte viel Unfassbares durchstehen können. 2020 schien einen sowieso nichts mehr erschüttern zu können, in diesem Jahr, in dem Corona über eine Million Leben gefordert hat. Aber wenn ein Virus tötet, liegt das in dessen ureigener Natur. Wenn ein Mensch vollkommen grundlos und willkürlich andere Menschen umbringt, ist es gegen eben diese. Bei allem Schrecken, den das Coronavirus verbreitet, ist es doch etwas, das wir irgendwie verstehen und als Teil des Lebens akzeptieren können. Bei einem Menschen, der mit einem Sturmgewehr im Herzen Wiens wahllos um sich schießt, endet die Grenze unseres Fassungsvermögens.

Nach dem schlimmsten Tag Wiens, dem Tag des Attentats, folgt der wundersamste: Eine Stadt, die sich durch das Grantig-Sein definiert, die gerne ihre Ellbogen ausfährt, kniet nieder und zeigt ihr wahres Ich. Menschen helfen einander. Öffnen die Türen ihrer Wohnungen für Wildfremde. Sitzen bis spät in die Nacht zusammen und beschützen einander. Fahren andere ohne Bezahlung durch die Stadt, damit jeder sicher nachhause kommt. Feiern Lebensretter, die einer Religion angehören, wegen der sie normalerweise schief angeschaut werden. Ein Jahrhunderte alter Mantel aus schlechter Laune wird innerhalb eines einzigen Tages abgestreift und man fragt, sich ob Wien jemals anders war als heute.

Vor einer der Trauerstätten steht eine Gruppe von Polizisten. Sie kämpfen sichtbar mit den Tränen, genauso wie eine Frau mit Kopftuch neben ihnen. Abseits des Viertels kehrt am Tag drei nach Wiens schlimmsten Stunden langsam wieder Normalität ein. Politiker zeigen mit dem Finger aufeinander. Einige der Lebensretter weisen Scharten in ihren Biografien auf. In den Supermärkten ruft man zwar noch nicht grantig nach der zweiten Kassa, wird aber langsam ungeduldig. In einer Woche werden Politiker in diesem Land den Anschlag als Rechtfertigung missbrauchen, noch härter gegen Menschen in Not vorzugehen. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt um zu versuchen zu verstehen, was mit einem Zwanzigjährigen passieren muss, damit er so weit kommt, sich eine automatische Waffe zu besorgen und damit auf Menschen zu schießen, die ihm nie etwas getan haben, die er noch nicht einmal gekannt hat.


Wir alle können daran arbeiten, dass es besser wird. Indem wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern weiter vereint stehen und zeigen, dass Wiener die wunderbarsten, selbstlosesten und hilfsbereitesten Menschen der Welt sein können. Lasst uns gemeinsam grantig sein, anstatt jeder für sich.

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