Wenn man Vater wird

November 25, 2018

 

 

Plötzlich ist man Vater. Auch wenn man neun Monate Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten, ist der Übergang zur Vaterrolle kein langsam gleitender. Vielmehr fällt in einer letzten, tief seufzenden Wehe plötzlich ein Kind vor einem auf den Geburtstisch, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der ein Parkschein aus dem Automaten einer Tiefgarage gezogen wird. Es gibt keinen magischeren Moment im Leben als die Geburt des eigenen Sohnes, heißt es. Die Wahrheit ist, dass man sich während einer langen Nacht im Kreissaal fragt wie es sein kann, dass es weder die Evolution, noch der liebe Gott oder zumindest die Wissenschaft bisher geschafft haben, diesen Vorgang etwas weniger schmerzhaft und qualvoll zu gestalten. Auch wenn im Kreißsaal fünf Hebammen, eine Ärztin und ein hilfloser Mann herumstehen, warten in Wahrheit alle nur darauf, dass die Biologie ihren Lauf nimmt und ein Wunder geschieht. Weder das Wissen aus dem jahrelangen Medizinstudium des Personals, noch die vom Vater im Rahmen eines zweitägigen Geburtsvorbereitungskurs erworbenen Kenntnisse scheinen irgendeinen realen Mehrwert mit sich zu bringen. In den Augenblicken nach der Geburt ist die Tragweite des gerade Geschehenen nicht fassbar. Während die letzten Momente des Nicht-Eltern-Daseins verronnen sind, ist man erst einmal nur froh darüber, dass es vorbei ist, während gleichzeitig die ersten Sekunden im Leben des Kindes zu ticken angefangen haben.

 

Endlich muss man nicht mehr durch den burmesischen Dschungel stapfen, um in irgendeinem Tempel, einem Hostel oder im besinnungslosen Drogenrausch auf einer Goa Party am anderen Ende der Welt den Sinn des Lebens zu finden. Halluzinogene Substanzen werden durch körpereigene Hormone ersetzt, man hat keinen Stress mehr, etwas zu verpassen, denn man verpasst ab sofort alles.

 

Die Neuvermessung der Welt

 

Die große weite Welt voller Partys, Überstunden und Fernreisen schrumpft mit einem mal auf 54 Zentimeter zusammen, denn so groß ist das neue Zentrum der Existenz. Durch das Pucken, dem festen Einschnüren in ein Stofftuch, begrenzen junge Eltern die Welt ihres Babys in den ersten Wochen, da es sich ansonsten in der mit einem Mal endlosen Weite verloren fühlt. Ohne dass wir es merken, macht das Kind dasselbe mit uns: es verkleinert unsere Welt, was wie eine Befreiung wirkt. Endlich muss man nicht mehr durch den burmesischen Dschungel stapfen, um in irgendeinem Tempel, einem Hostel oder im besinnungslosen Drogenrausch auf einer Goa Party am anderen Ende der Welt den Sinn des Lebens zu finden. Halluzinogene Substanzen werden durch körpereigene Hormone ersetzt, man hat keinen Stress mehr, etwas zu verpassen, denn man verpasst ab sofort alles. Das kleine Wesen erlöst einen von der unterträglichen Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten. Für die nächsten achtzehn Jahre erhält man eine Blankoentschuldigung, am Wochenende zuhause bleiben zu dürfen um die Netflix Bibliothek auswendig zu lernen, so man denn dazu kommt. Denn so etwas wie ein freies Wochenende existiert nicht mehr, der Begriff „Freizeit“ muss überhaupt neu definiert werden, denn anders als der Bund der Ehe, der heute so schnell durchschnitten wird, wie man mit dem Daumen nach rechts swipen kann, ist ein Sohn für die Ewigkeit. In unserer vollkommen unverbindlich gewordenen Welt ist ein Kind das Einzige, bei dem es keine Rückgabefrist, Probezeit oder Umschulungsmöglichkeit gibt. Während man bislang alle Zeit der Welt hatte, ist ein Nachmittag allein auf der Donauinsel plötzlich kein jugendlich verschwendeter Sommernachmittag mehr, sondern ein aufbäumender Moment verloren geglaubter Einsamkeit. Selbst hartgesottene Langschläfer stehen nun automatisch im Morgengrauen auf, die anfänglichen Nächte mit dem Baby bringen Erinnerungen an die erste Liebe hoch: es ist genauso unbequem wie damals und keiner weiß, wie er liegen soll, so dass es irgendwie bequem ist. Ständig hat man einen Ellbogen im Gesicht oder bekommt eine durch Speichel getränkte Schulter in die Seite gerammt. Und genau wie damals bemerkt man all das nicht, weil man verliebt ist.

 

In unserem besessenen Streben nach der Erfahrung von Individualität vergessen wir, dass wir durch den banalen Akt der Fortpflanzung etwas erschaffen können, dass in seiner Einzigartigkeit durch keinen Töpferkurs oder Meditationsworkshop erreicht werden kann.

 

Das Leben ist vorbei

 

Wer sich gegen Kinder entscheidet, verpasst etwas Einzigartiges in seinem Leben. Doch anders herum verpasst man auch mit Kindern etwas, eine ganze Menge sogar: trampen durch Südostasien ist nicht mehr drin, auch wenn es einige aus unserer wir-wollen-alles-haben Generation probiert haben. Doch mit Baby unterm Arm durch den tropischen Dschungel zu trampen sieht nur auf Instagram gut aus, nicht aber im echten Leben, denn dieses ist darauf ausgerichtet, etwas zu verpassen. Jede Entscheidung für etwas, ist gleichzeitig auch eine gegen etwas anderes, wer links abbiegt, kann nicht gleichzeitig rechts abbiegen, die Gesetze der Physik stellen sich gegen uns. Man muss bereit sein dafür, ein Kind zu haben, ohne dass man sich jemals wirklich dazu bereit fühlen wird. Doch auch dieser menschliche Widerspruch löst sich in den ersten Tagen nach der Geburt auf, denn man hat schlicht keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob man sein hedonistisches Vorelternleben hinreichend ausgekostet hat, oder ob man die lang geplante und nie umgesetzte Weltreise doch noch hätte machen sollen.

Unsere Babys zeigen sich davon unbeeindruckt, denn sie taumeln derweil von einem Extrem ins andere und stürzen vom vollkommenen Glück in panische Todesangst innerhalb eines Wimpernschlags. Selbiges gilt für die Eltern, für die das Lachen ihres Kindes einen Moment des vollkommenen Glücks darstellt, während eine weitere schlaflose Nacht sich anfühlt wie eine lebenslange Haftstrafe. Ob Himmel oder Hölle, fest steht, dass die Erfahrung Kinder zu haben in seiner Einzigartigkeit unreplizierbar ist. Kein Yogaworkshop kann es ersetzen und keine exotische einsame Insel, wo der Sonnenuntergang noch schöner ist, als auf den fünfzehn Meereserhebungen davor. In unserem besessenen Streben nach der Erfahrung von Individualität vergessen wir, dass wir durch den banalen Akt der Fortpflanzung etwas erschaffen können, dass in seiner Einzigartigkeit durch keinen Töpferkurs oder Meditationskurs erreicht werden kann.

 

Verzweifelt sucht man wie beim Auspacken des letzten Espresso Vollautomaten nach der Gebrauchsanweisung, doch die gibt es genauso wenig wie einen Ausschaltknopf, wenn die Neuerwerbung zu schreien beginnt.

 

Suche nach der Gebrauchsanweisung

 

Plötzlich ist man also Vater: Verzweifelt sucht man wie beim Auspacken des letzten Espresso Vollautomaten nach der Gebrauchsanweisung, doch die gibt es genauso wenig wie einen Ausschaltknopf, wenn die Neuerwerbung zu schreien beginnt. Man versucht, die suizidalen Tendenzen des Neugeborenen einzuschränken, hält ihn vom tödlichen Köpfler von der Couch und dem Hinunterrollen in den tiefen Abgrund des Ehebettes ab. Obwohl wir Menschen uns als Krone der Schöpfung ansehen, sind unsere Kinder jahrelang vollkommen lebensunfähig. Während der Nachwuchs anderer Säugetiere bereits nach wenigen Erdminuten seine ersten Schritte dahinwackelt, kann ein menschlicher Säugling monatelang nicht einmal seinen eigenen Kopf aufrecht halten. Dennoch steckt in jedem einzelnen unserer Kinder die Hoffnung, dass er es besser machen wird, auch wenn man nicht genau weiß, was „es“ überhaupt ist. Doch ganz egal, ob es um die eigene kaputte Familie, eine unerfüllte Karriere als Rockstar, oder das Aufhalten des Klimawandels geht: jedes Kind hat theoretisch die Chance, die Welt zu retten, oder zumindest der beste Buchhalter des Landes zu werden.

 

 

 

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