Stell dir vor die Welt geht unter, aber keiner geht hin


An einem Freitagmorgen steht am Fuße eines riesigen Flugzeuges ein winzig aussehender Mann. In wenigen Minuten wird er in den Himmel aufsteigen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. Dort wohnt seine Schwester, die sich soeben einen neuen Hund angeschafft hat, den sie ihrem Bruder vorstellen möchte. Er wird sich kaum achtundvierzig Stunden an seiner Wochenenddestination aufhalten, um anschließend fast genauso lange 10.000 Kilometer über dem Boden schwebend die Rückreise in seine Heimat anzutreten. Falls die drei dazu notwendigen Linienflüge keine Verspätungen haben, wird der Mann bereits am Montag wieder zurück im heimatlichen Büro sitzen. Die Welt weiß von seinem Ausflug, weil er in einem sozialen Netzwerk darüber berichtet, wenn auch nicht sehr ausführlich, denn sein Kurztrip ist ihm nur wenige Zeilen wert. Er reist viel, ein Flug über zehn Zeitzonen hinweg ist für ihn kaum erwähnenswerter, als die morgendliche Fahrt nach Wien für einen Pendler aus Niederösterreich.

Es heißt, unsere Generation hält die letzte Chance in ihren Händen, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies.

Eine Frau kommentiert sein Posting damit, dass er wohl keine Flugangst haben könne, ansonsten würde er sich das nicht antun. Ungefragt erhält er Tipps zum besten Cafe Latte der Stadt, wo man gut brunchen kann sowie Vorschläge für Tagesausflüge fürs nächste Mal, wenn er mehr Zeit hat. Niemand erwähnt CO2, die Ozonschicht oder den Klimawandel. Wir sind zwar dazu bereit, von Fachleuten verfasste Artikel, Kommentare und Studien zu dem Thema zu teilen - auf unser persönliches Leben aber wollen wir das Ganze nicht umlegen. Es ist wie bei der schweren Krankheit eines Familienmitgliedes: Der Tod übersteigt unser Fassungsvermögen, weshalb wir nicht über ihn reden. In seiner Nähe verwandeln wir uns zurück in ein kleines Kind, das sich im Angesicht der Bedrohung die Hände vor die Augen wirft, um die Welt ungeschehen zu machen.

Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.

Es heißt, dass unsere Generation die letzte Chance in ihren Händen hält, den Planeten zu retten. Diese ungeheure Verantwortung stürzt uns in einen tiefen inneren Konflikt, in Rahmen dessen sich zwei einander bis aufs Blut verfeindete Mächte gegenüber stehen: Unser persönlicher Hedonismus kämpft gegen das Überleben der eigenen Spezies. Fast scheint es so zu sein, dass die Schlacht schon entschieden ist, dass ihr Sieger uns aber großzügig im Rahmen kleinerer Nebenscharmützel die Illusion lässt, wir könnten das Ruder noch herumreißen. Deshalb schleppen wir Stofftaschen in den Supermarkt, kaufen Rindfleisch aus biologischer Produktion und verwenden beim Geschirrspüler das dreistündige Ökoprogramm. Beinahe fühlt es sich an, als würden wir die Welt tatsächlich retten, indem wir eine Aluminium Dose in der richtigen Tonne entsorgen, obwohl wir sie dadurch in Wahrheit ja nur ein klein bisschen weniger kaputt machen.

Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen hatte, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert wird. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch das Plastik schwimmt einfach unter ihr hindurch.

Es ist wie mit allen Problemen, die derart breitgetreten werden: Obwohl ständig darüber geredet wird, nehmen wir das Thema gar nicht mehr wahr, so wie die Bewohner Schwechats vielleicht irgendwann den sie alltäglich einhüllenden Geruch der Raffinerie ausblenden. Ständig predigt jemand, es sei fünf vor Zwölf, dass man jetzt handeln müsse oder es sei zu spät. Aber sollte in Wahrheit nicht ohnehin schon alles vorbei sein? Hat das Klagen nicht schon vor zehn Jahren begonnen, hieß es nicht damals bereits, man hätte nur mehr wenig Zeit? Fast wünscht man sich, dass endlich Gewissheit herrscht, dass sich irgendjemand hinstellt und uns erlöst mit dem finalen Urteil „Jawohl, heute ist der Tag, an dem es zu spät ist, ganz egal, was wir von nun an tun.“ Der nahende Tod verbreitet schließlich mehr Schrecken als der tatsächliche, genauso wie es schlimmer ist, schwaches Wlan zu haben, als gar keines.

Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht.

Im Radio diskutieren ein paar Studenten über die Problematik des Themas. Alles sei immer so negativ, meint ein junger Herr, stattdessen sollte lieber mit positiver Motivation gearbeitet werden. Es wird doch ohnehin schon viel getan, und die Erderwärmung hat schließlich auch gute Seiten, zumindest für den Einzelnen. So herrschen in Österreich plötzlich nicht mehr acht Monate Winter, sondern nur noch sechs. Weiße Weihnachten kennt man in Wien zwar nur noch aus den Tiroler Schneekanonen vom letzten Skiurlaub, aber Schnee hat in der Großstadt sowieso noch nie jemand gebraucht - auch wenn Frau Holle den Kampf gegen die Gletscherschmelze zumindest in diesem Jahr gewonnen zu haben scheint. Außerdem gibt es noch eine letzte Hoffnung, und für die müssten wir uns praktischerweise nicht einmal einschränken: Der technologische Fortschritt, der uns ja erst in diese Misere gebracht hat, soll das reparieren, was er selbst zerstört hat. Begeistert teilten wir vor einigen Monaten die aufwendig produzierten Videos über einen holländischen Teenager, der eine Maschine entworfen haben soll, mit der das Plastik aus den Weltmeeren gefiltert werden kann. Die Maschine ist mittlerweile tatsächlich gebaut worden, doch man hört wenig von ihr, denn das Plastik schwimmt einfach unter der Maschine hindurch. Ein gnädiger Facebook-Algorithmus verbirgt das Scheitern vor unseren hoffnungsvollen Augen. Die sind ohnehin schon weitergewandert, denn bald soll es Staubsauger geben, die das CO2 aus der Atmosphäre saugen – und die wurden zumindest von Erwachsenen erfunden.

Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.

Wir sind uns alle einig, dass etwas getan werden muss – nur selbst möchten wir nichts dazu beitragen. Auch von dem eigenen Bekanntenkreis erwarten wir keine Stornierung des wohlverdienten Karibikurlaubes. In der Verantwortung steht im Zweifelsfall sowieso die Politik, denn die hat immer an allem schuld. Wenn einfach alle Kohlekraftwerke abgedreht werden würden, dann fielen die paar Millionen Urlaubsflüge im Jahr gar nicht mehr ins Gewicht. Doch die Politik ist kein abstraktes, überirdisches Wesen, sondern ein menschliches aus Fleisch und Blut, das selbst wenn es ein Interesse an dem Thema zeigt vor dem Dilemma steht, nicht alles haben zu können: Wenn die Kohlekraftwerke runtergefahren werden, muss wieder mehr Atomenergie aus den Steckdosen kommen, denn so viele Windräder können im Burgenland gar nicht aufgestellt werden, dass sich das ausgeht – und selbst wenn, würden die Anrainer gegen die Verschandelung der pannonischen Tiefebene protestieren. Zumindest für eines ist der Klimawandel gut: Er schweißt die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in einer kollektiven Schuld zusammen. Es sind nicht mehr nur die naiven Rechten oder die radikalen Linken verantwortlich – wobei eine Fahrt von Simmering nach Bibione kürzer dauert als ein Flug von Mariahilf nach Vietnam.

In der Mittagspause wird darüber gesprochen, wohin die nächste Reise gehen soll. Chile sei aufregend, genauso wie Südafrika, man hat zwar nur mehr zwei Wochen Urlaub, aber die Flüge sind gerade so günstig. Man könnte natürlich auch im Waldviertel überwintern, wo der Railjet ohne Jetlag hinfährt, aber dort ist es einfach zu kalt. Solange die ÖBB einen nicht in die Tropen bringt, muss also doch wieder beim Billigflieger gebucht werden. Wie kaum ein anderes Thema schafft es der Klimawandel, Betroffenheit auszulösen, trotzdem sind wir alle diesen Winter in Thailand. Man möchte die Welt schließlich noch ein letztes Mal sehen, bevor es sie nicht mehr gibt.

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