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  • Andreas Rainer

Wenn Alltagspoeten über Alltagsrassisten sprechen

Aktualisiert: Apr 18



Eine Frau mit Kopftuch steht an der Supermarktkasse irgendwo in Wiens Peripherie. Während sie ihre Waren aufs Band legt, drängt sich eine blonde Dame vor mit den Worten “Sei froh, dass du überhaupt hier leben darfst.”


Diese Szene habe ich gestern mit der Bildunterschrift „Wie kann so eine schöne Stadt so hässlich sein?“ auf den Wiener Alltagspoeten geposted. Was folgte, kann man wohl als Shitstorm bezeichnen. Wobei sich die Menge derer, die es gut fanden, dass auf solch grausigen Alltagsrassismus hingewiesen wird, und die Zahl der anderen, laut derer man so etwas keine Plattform geben sollte, ziemlich die Waage hielt.


Meiner Meinung nach kann man beide Ansichten vertreten und argumentieren. Ich nehme den Applaus darüber, dass ich meine Reichweite dafür genutzt habe, um auf solche Missstände hinzuweisen genauso an wie die Kritik, dass man so etwas keine Bühne bieten sollte. Denjenigen die mir vorwerfen, so ein Spruch hätte auf den Alltagspoeten nichts zu suchen, stimme ich zu - aber so eine Aussage sollte überhaupt nirgendwo Platz haben. Dennoch finden Szenen wie diese in ähnlicher Form jeden Tag in Wien statt. Für mich stellt sich deshalb nicht die Frage, ob es meine Aufgabe als Betreiber der Wiener Alltagspoeten ist, auf Rassismus in Wien hinzuweisen. Es ist vielmehr unser aller Aufgabe über Dinge zu sprechen, die nicht in Ordnung sind. Wien ist eben nicht bloß Poesie, Schmäh und Laissez Faire, nicht nur gemütliches Philosophieren im Kaffeehaus, sondern auch furchtbarer Alltagsrassismus an der Supermarktkassa, auf der Straße, und im Beisl.


„Wir hören Wien zu“ ist das Motto meiner Wiener Alltagspoeten, und ich wollte auch in diesem Moment nicht weghören. Schließlich gibt es in Wien Rassisten, auch wenn sie uns auf Facebook nicht ausgespielt werden. Wir schieben die Schuld für unser Leben in der Bubble gerne auf die Algorithmen sozialen Netzwerke, aber vielleicht erfüllen die Plattformen aus dem Sillicon Valley vielmehr unseren ureigenen Wunsch nach Isolation inmitten einer Schar Gleichdenkender.


Zum jetzigen Stand wurden über 600 Kommentare unter mein Posting auf Instagram und Facebook abgegeben, dazu kamen ein paar dutzend Privatnachrichten. Es geht mir mit diesem Text nicht darum zu argumentieren, ob es nun richtig oder falsch ist, so eine Situation zu veröffentlichen - ich verstehe die Argumentationen beider Lager und beide haben Recht genauso wie sie Unrecht haben. Wir sollten ohnehin damit aufhören, unser schlechtes Gewissen dadurch ruhig zu stellen, indem wir uns in den sozialen Netzwerken lautstark echauffieren, nur um uns den ständig gleich klingenden Applaus unserer Blase abzuholen und uns trüglicherweise so zu fühlen, als hätten wir mit unserer Brandrede gegen den Rassismus/Klimawandel/Unrecht der Welt dadurch irgendetwas verbessert.


Stattdessen wünsche ich mir, dass beim nächsten Mal, wenn wir in der Realität mit einer Situation konfrontiert sind, in der eine Minderheit, ein Älterer, Jüngerer, Schwärzerer, Asiatischerer, Weiblicherer, Männlicherer oder Schwächerer diskriminiert, attackiert oder sonst wie schlecht behandelt wird, dass wir dann, direkt vor Ort, in echt, in der Welt da draußen, genauso viele Kommentare abgeben. Dass wir die Privatnachrichten an Ort und Stelle verbal mitteilen, indem wir unser Handy weglegen und unseren Mund aufmachen. Wir alle, die wir innerhalb der virtuellen Klimaschutz/Stoffbeutel/Gleichheits-Bubble oft sehr laut sind, sind nämlich in der Realität da draußen oft sehr, sehr leise.



© 2018 by Wiener Alltagspoeten

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