Endlich verpassen wir nichts mehr



An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.

Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.

Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.

In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.

Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.

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