Urlaub wo andere leben: Zwettl im Waldviertel

December 22, 2018

Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt, grau und nass ist, einen Aufenthalt in Zwettl plant, muss scheinbar eine gehörige Portion Wahnsinn mitbringen. Doch auch wenn die Hauptstadt der Region seit 1929, lange bevor das Wort Klimawandel existierte, mit -36,6 Grad Celsius den offiziellen Rekord für die niedrigste, jemals in Österreich gemessene Temperatur hält, herrscht hier eine ehrlichere Kälte als in Wien: Während sie einem in Wien, aufgepeitscht durch Wind und Feuchte, in alle Knochen fährt, hält sie hier oben im scheinbar letzten Winkel des Landes Respektabstand. Genau wie die Bewohner dieser ziellos weitläufigen Landschaft ist sie zwar anwesend, scheint einen jedoch kaum zu berühren. Wie die zumindest vereinzelten Wiener Kennzeichen vor der Oase des Hotel Schwarzalm beweisen, ist es also nicht nur die Kühle des Sommers, welche die Wiener hierherlockt, auch im Winter fliehen die Großstädter hierher - obwohl einige von ihnen den himmlischen Spabereich nur für einen Besuch beim üppigen Frühstücksbuffet verlassen. Wenn vielleicht auch kein Sehnsuchtsort, so ist das Waldviertel für die Wiener doch zumindest ein Rückzugsplatz, an dem man sich vor der Welt verstecken kann.

Zwettl stellt mit seinen 10.000 Einwohnern das Zentrum der Region dar. Ein Spaziergang durch die verschneiten Straßen der Stadt zeigt schnell, dass sie genauso unprätentiös daherkommt, wie das Waldviertel als Ganzes. Während sich in Wien jede Balustrade unter unnötigem Prunk und Verzierungen beugt, wird hier einfach nur Ziegel auf Ziegel geschlichtet. Einzelne Schmuckstücke wie die Dreifaltigkeitsstatue oder der Hundertwasserbrunnen wirken fast fehl am Platz, sogar der Eingang zur Stadtkirche versteckt sich hinter einem Durchgang.

„Adolf“, ruft eine ältere Dame ihrem Mann nach, der ihr auf der schneenassen Straße enteilt – nein, dies ist keine erfundene „Spiegel“ Reportage. Neugierig folgt man den beiden ins Innere der Konditorei Schön, wo die Zeitreise weitergeht, zumindest was die Einrichtung betrifft, die seit der Eröffnung nicht ausgewechselt worden sein kann. Ein älterer Herr debattiert mit der Kellnerin übers Wetter und darüber, dass sich dieses Jahr weiße Weihnachten ausgehen könnte, während es draußen die Stadt einschneit. Ein anderer Gast erklärt der Frau am Nachbartisch, dass er hier nur Illustrierte liest, weil die großen Zeitungen nicht auf die schmalen Tische passen.

Ohne Adolf zieht man weiter ins Beisl nebenan, wo sich die Stimmung deutlich ausgelassener zeigt, die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein, um das erste Skirennen der Saison zu verfolgen. Es riecht so, als wären fünfzig offene Bierfässer im Raum aufgestellt, man fragt sich, ob man irrtümlich in die Zwettler Brauerei abgebogen ist. Um 11.48 heulen plötzlich wie aus dem Nichts die Stadtsirenen auf, was jedoch keiner der Gäste zu registrieren scheint. Wer in Niederösterreich aufgewachsen ist weiß, dass gerade kein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, sondern es sich nur um den allwöchentlichen Funktionalitätstest der Lautsprecher handelt. Auch wenn im scheinbar hintersten Winkel des Landes jegliche Katastrophe fern zu sein scheint, ist die tschechische Grenze doch nicht weit.

Viel größer dagegen ist die Distanz zur Heimat der Besitzerin des Smile Chinarestaurants am Stadtrand: Vor fünf Jahren folgte sie ihrem Mann und zog aus dem Süden des Reiches der Mitte ins Waldviertel, was ein ähnlicher Kulturschock sein muss, wie wenn man seinen Wohnsitz vom Mars auf die Erde verlegt. Dennoch scheint sie sich bereits bestens integriert zu haben: Sie schwärmt von der Ruhe, die man hier hat und der wunderschönen Natur, alleine diese Aussagen werden ihr hoffentlich die Rot-Weiß-Rot Card sichern. Nur die Winter seien schon hart, fügt sie hinzu. Ein Einheimischer habe ihr bei der Ankunft gesagt, dass es im Waldviertel nur zwei Temperaturen gäbe: kalt, oder sehr kalt.

Zur Abendstunde steht ein Besuch der Brauerei an, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Eine überraschend große Gruppe versammelt sich im Shop der Anlage, die Dame begrüßt die Anwesenden. Ob sie selbst jedes Mal alle Biere verkosten würde, fragt einer der jungen Männer, was mit lautem Gelächter quittiert wird, auch unsere Anführerin lächelt freundlich mit, obwohl sie die Witze bereits von den vorhergegangen 53 Rundgängen des Jahres kennt. Einer der anwesenden Wiener meint, er würde gerne jede Woche kommen, wenn es nicht so weit weg wäre, denn in Wien bekommt man das gute Zwettler Bier ja leider kaum wo. Obwohl hier in einer der wenigen verbleibenden Privatbrauereien Österreichs vielleicht tatsächlich eines der wohlschmeckendsten Biere des Landes hergestellt wird, machen die Waldviertler, wie aus allem anderen auch, kein großes Aufsehen darum. Ein herbes, aber nicht bitteres Bier, lautet das Motto der Brauerei, es sollte auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Nicht nur die Brauereiangestellte ist sichtlich stolz auf das Getränk made in Waldviertel, auch die überwiegend aus der Region stammenden Anwesenden nicken anerkennend. Auf Englisch wird kein Programm angeboten, erfährt man auf Nachfrage, Zwettl und sein Bier sind für die Einheimischen reserviert. Während in die ums Eck liegende Wachau schiffsweise amerikanische Touristen über die Donau angekarrt werden, müssen die Österreicher im Waldviertel unter sich bleiben.

Zum Abendessen geht es ins Wirtshaus im Demutsgraben. Die alte Gaststube scheint hier seit Jahrhunderten unberührt, der Wirt ist ein Original, wie man es nur an einem Ort wie diesem finden kann - auch wenn der rüstige Herr nicht von hier, sondern aus Tirol stammt. Ein Gast aus Wien ist extra noch geblieben und nimmt den Nachhauseweg bei Eis und Dunkelheit in Kauf, nur um noch einmal die berühmten Erdapfelknödel zu verkosten. Der Wirt nimmt dieses Kompliment sowie die Bestellung kommentarlos zur Kenntniss, was sollte er auch antworten. Schließlich sind seine Hausmannskost genauso wie das Waldviertel selbst eine raue Schönheit, bei der sich niemand jemals die Mühe gemacht hat, sie glatt zu polieren. Wer sie dennoch erkennen kann, den lässt sie nicht mehr los, und den wird auch die Kälte des Winters nicht von einem Besuch abschrecken, und umgeben von Bäumen, Schnee und Stille wird sie ohnehin wieder zu einem schützenden Umhang vor dem bösen Rest der Welt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Alltagspoesie gibts auf:
  • Instagram - Schwarzer Kreis
  • Facebook - Schwarzer Kreis
  • Twitter - Schwarzer Kreis

© 2018 by Wiener Alltagspoeten

  • White Instagram Icon
  • White Facebook Icon
  • White Twitter Icon