Die unerträgliche Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten

January 24, 2018

 

113.195 Flugzeuge sind im Jahr 2016 von Wien-Schwechat aus abgehoben – und ich hätte in jedem einzelnen davon sitzen können. New York, Stockholm, Tokyo oder Shanghai: Schwechat ist das Tor zur Welt, so unglaublich einem das auch erscheinen mag, während auf der A4 die trostlose Kulisse der Ölraffinerie an einem vorbeizieht. Fünf Wochen Urlaub hat man als arbeitender Mensch hierzulande pro Jahr, und die wollen erst einmal gefüllt werden: In Thailand am Strand sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Über den Grand Canyon schauend ein Selfie machen. Europäische Hauptstädte abklappern, bei denen man spätestens nach der zehnten nicht mehr weiß, worin sie sich eigentlich wirklich voneinander unterscheiden, außer dass die Kärntner Kasnudeln einmal Tortellini und dann wieder Pirogge heißen.

 

Hat man sich endlich für ein Ziel entschieden, geht der Stress erst los: All-Inclusive Urlaub ist keine Option weil rufschädigend im sozialen Netzwerk. Stattdessen muss mit schwer bepacktem Rucksack zumindest das halbe Land durchtrampt werden. Jeden zweiten Tag wird die Stadt gewechselt, Hotel gewechselt, Supermarkt gewechselt, bis man irgendwann vergisst, wo man sich überhaupt befindet, denn ankommen tut man nie. Jeder Urlaub zwingt zu neuen Entscheidungen, die Weltoffenheit Schwechats und der Feldzug der Billigairlines drängen einen quasi dazu, alle Winkel der Erde zu besuchen, auch wenn man ohnehin schon drei Mal auf Weltreise war. Doch der Planet ist groß, und der Klimawandel lässt sich eh nicht mehr aufhalten.

 

Gramatneusiedl statt New York

 

Aber eigentlich will man das alles gar nicht. Eigentlich will man im Sommer lieber an der Alten Donau sitzen und die Beine im algengrünen Wasser baumeln lassen. Natürlich verpasst man dann die Mitternachtssonne in Schweden, aber zumindest ist man für die anstehende Geburt der Entenbabies unter der Reichsbrücke da, oder für die Neueröffnung der Copa Cagrana. Doch jetzt ist Winter und das Wetter furchtbar, trotzdem möchte man in Wahrheit lieber in der Steiermark einen Schneemann bauen, als in die Tropen flüchten. Die Enten sind ja schließlich auch geblieben, abhauen gilt also nicht, denn wer den Winter nicht aushält, hat den Sommer nicht verdient. Es ist erstaunlich: Ich war schon zehn Mal in New York, aber noch nie in Gramatneusiedl. Hallstatt ist mir nur vom Hörensagen ein Begriff, vielleicht schaue ich es mir bei meiner nächsten Chinareise an. In Amerika habe ich Fuß in siebenunddreißig Bundesstaaten gesetzt, während ich in Österreich noch nicht alle Bundesländer besucht habe. Beim Skytrain in Bangkok kenne ich die Nachbarschaft jeder einzelnen Station, das Wiener Ubahnnetz bietet mir dagegen immer noch weiße Flecken – aber so kreativ das Stadt-Wien-Marketing sich bei der Namensgebung auch anstellt: Wer will schon ernsthaft in die Seestadt?

 

Am schönsten ist der Urlaub dann, wenn er wieder vorbei ist. Wenn man endlich wieder daheim den ganzen Tag Netflix schauen darf, ohne das Gefühl zu haben, draußen irgendeine Kirche, einen Tempel oder eine Vollmondparty zu verpassen. In Wien versteckt sich der Mond im Winter glücklicherweise zumeist hinter den Wolken, er möchte nicht gefeiert werden. Hierzulande hat man das Verpassen als Lebensmotto ausgerufen, das unbemerkte Vorbeiziehen des Lebens gehört zu dieser Stadt dazu, wie der Senf zum Frankfurter. Nach jeder mühsam zu Ende gebrachten Reise lässt man sich mit dem wohligen Wissen in die vertraute Ikea-Couch sinken, wieder ein Stück der Welt abgehakt zu haben, in der Gewissheit, dass zumindest bis zum nächsten Urlaub jetzt wieder eine Ruhe ist. Doch im Hinterkopf rattert es schon wieder. Die AUA erweitert ihren Flugplan jedes Jahr gnadenlos weiter, der Druck lässt also nie nach, Gott sei dank ist man zumindest nicht mehr Anfang zwanzig, mittlerweile besteht man auf einen Direktflug, weil das Umsteigen so beschwerlich ist. Ansonsten wäre die Welt noch größer, als sie es ohnehin schon ist. Hoffentlich dauert das mit dem Weltraumtourismus noch ein paar Jahre.

 

Die Welt, ein offenes Scheunentor 

 

Achtung, weiterlesen auf eigene Gefahr: Man könnte ja nicht nur für ein paar Wochen auf Urlaub fahren, sondern gleich dauerhaft in ein anderes Land ziehen. Dort besucht man dann zwar wahrscheinlich trotz viel längerer Aufenthaltsdauer keine einzige Sehenswürdigkeit, erlebt aber möglicherweise Dinge, die nicht im Reiseführer des eigenen Lebens stehen. Endlich, endlich hat das Aufstehen von der Couch, die getroffene Entscheidung wohin es gehen soll, die Planung, die Ausführung, tatsächlich einen Sinn gehabt, endlich lebt man irgendwo anders, anstatt nur auf Besuch da zu sein. Doch wer jetzt glaubt, damit hätte sich die ständige Herumfahrerei endlich erledigt, wer denkt, das Thema wäre durch, indem man sich selbst bewiesen hat, dass man es kann, der irrt. Denn einmal angefangen weiß man nun, dass fast jeder der 194 Staaten dieser Welt offen dasteht wie ein Scheunentor.

 

Es geht also wieder aufs Neue los, nur dass die Entscheidung eine längere Tragweite als die nächsten zwei Wochen hat: Soll man hier leben, oder doch dort? Sich auf die Pirsch begeben in Argentinien nach einer exotischen Südamerikanerin, oder doch lieber ein Gspusi wagen mit der vertrauten Wiener Jugendliebe, die gerade wieder Single geworden ist. Vollkommen fertig ringt man um die Standortwahl, die Kulisse für den Hollywoodfilm des eigenen Lebens, während die Uhr unbarmherzig weiter tickt. Eigentlich will man ja neben dem ganzen Reisen noch Karriere machen, doch es gibt so schrecklich viele Berufe. Und Kinder könnte man sich auch anschaffen, genauso wie eine Katze oder zumindest einen Hamster. Ohne es zu merken stolpert man selbst rein ins Rad des letzteren, vom Alltag überfordert oder gelangweilt, möchte am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und ans andere Ende der Welt fliehen – jetzt also doch? Man sucht im Internet nach Hilfe, um sich endlich klar zu werden, was um alles in der Welt man jetzt eigentlich will, und muss wieder erst einmal auswählen, zwischen einer Unzahl von Texten wie diesem, die Rat geben wollen zur aussichtslosen Wunschlosigkeit. Wenigstens fühlt man sich zwischen all den tausenden Google-Treffern nicht mehr so alleine mit der unerträglichen Leichtigkeit der endlosen Möglichkeiten. Und der nächste Urlaub kommt auch bestimmt.

 

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