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  • Andreas Rainer

333 Millionen Lichtjahre zur Milchstraße



Dieser Text entstand im Zuge des Podcasts 1 Thema 3 Texte. Zum zufällig ausgewählten Wikipedia-Artikel IC3209 Spiralgalaxie durfte jeder Gast eine einseitige Geschichte verfassen.

Um sechs Uhr Morgen prallt der erste Lichtstrahl auf den Grund des Lainzer Tiergartens. Zuvor war er acht Minuten und zwanzig Sekunden unterwegs gewesen, was auf die Millisekunde genau der Gesamtdauer seiner Existenz entspricht. Auf seinem langen Weg von der Sonne bis zur Erde traf er wie durch ein Wunder auf kein Hindernis, das seine ohnehin knapp bemessene Lebenszeit noch einmal verkürzt hätte. So war es ein mit dichtem Moos bewachsener, ansonsten aber recht unspektakulärer Fleck im Waldgebiet des 13. Wiener Gemeindebezirkes, der seine Reise ein für alle mal beendete. Im Bruchteil eines Augenblickes saugt ihn der vom Tau nasse Boden in sich auf, um die in ihm gespeicherte Wärmeenergie anschließend für die Geburt eines Gänseblümchens zu nutzen.


Da die auf diese Weise neu entstandene Pflanze für den weiteren Verlauf dieser Geschichte irrelevant ist, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf einen zweiten Leuchtkörper, der noch einige Lichtjahre hinter dem ersten seinen Weg Richtung Erde nimmt. Er entstammt der IC3209 Spiralgalaxie, die noch viel weiter entfernt liegt als die Sonne, nämlich genau 333 Millionen Lichtjahre hinter der Milchstraße. Obwohl er so zart ist, dass ihn ein menschliches Auge nicht wahrzunehmen vermag, sollte es genau dieser, aus einer weit entfernten Welt herbeigereiste Energiestrahl sein, der mir an diesem Morgen möglicherweise das Leben retten würde.


All dies geschah, ohne dass ich dem physikalischen Schauspiel um mich herum irgendeine Aufmerksamkeit widmen konnte. Diese wurde nämlich vollständig von einer in Relation weniger urgewaltigen, aber für meine unmittelbare Zukunft bedeutsameren Erscheinung beansprucht: dem vor mir stehenden riesengroßen Wildschwein. Das Tier hatte sich nicht etwa langsam an mich herangepirscht, sondern war vielmehr einfach erschienen, so als wäre es direkt vor mir dem Erdboden entwachsen. Ein paar Augenblicke blicken wir einander an, unschlüssig darüber, was als nächstes zu tun sei, denn wir beide haben mit solch einer Situation keine Erfahrung. Schließlich trifft das Tier eine Entscheidung und senkt in einer bedrohlich wirkenden Geste den Kopf. Langsam öffnet es das Maul, sodass ich seine langen Vorderzähne herausragen sehe. Mein Körper spannt sich an, um sich auf den unmittelbar bevorstehenden Angriff vorzubereiten.


Doch dann passiert es: ohne dass ich es mitbekomme, prallt der unsichtbare Lichtstrahl aus der IC3209 Spiralgalaxie auf die Schnauze des Tieres. Die winzige Menge darin gespeicherter Energie reicht aus, um die empfindlichen Schleimhäute des Tieres zu reizen. Blitzschnell schießt dessen von borstigen Haarbüscheln übersähtes Haupt nach vorne. Eine Unzahl winziger Speicheltropfen spritzen aus seinem Maul in meine Richtung, während sich das Tier unter dem gewaltigen, morgendlichen Nieser schüttelt, sich kurz danach verschnupft umdreht, und im dichten Gebüsch hinter mir verschwindet.

© 2018 by Wiener Alltagspoeten

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