Kategorie: Blog

  • Wenn man den Corona-Arzt anruft und Billa abhebt

    Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.

    Mittwoch: Die Diagnose
    Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.

    Donnerstag: Packerlsuppe
    Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.

    Freitag: Kein Superspreader
    Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.

    Samstag: Ausnahmezustand
    Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.

    Sonntag: Besserung
    Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.

    Montag: Billa-Hotline
    Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:

    Arzt:
    „Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“

    Erkrankte:
    „Ich habe nie welche bekommen“

    Arzt:
    „Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“

    Erkrankte:
    „Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“

    Arzt:
    „Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“

    Erkrankte:
    „Nein“

    Epilog
    Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.

  • Wien darf Istanbul bleiben

    Eine Kopftuch tragende Frau inhaliert den farblosen Rauch, der durch den Gummischlauch einer Wasserpfeife in ihren Mund schießt. Anschließend bläst sie ihn aus, hinweg über die Neue Donau, wo das fragile Gemisch aus Teer, Tabak und Apfelaroma über dem leuchtend blauen Wasser eine Sekunde lang eine geschlossene Einheit bildet. Doch kurz darauf wird die kleine Wolke bereits von einem Windstoß aufgefangen und zurück ans Ufer geweht. Vom übermächtigen Sauerstoff bis ins nahezu Unkenntliche verdünnt, treffen die Überbleibsel auf die Gesichter der unzähligen anderen Badegäste, die an diesem heißen Wiener Sommertag Abkühlung suchen. Alles, was sie von der winzigen Dosis des Lungengiftes wahrnehmen, ist der angedeutete Hauch einer aufgeschnittenen Apfelspalte.

    Während ein Sommer in seiner türkischen Heimat endlos ist, sind Tage wie dieser in Wien kostbare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann

    Die Frau mit dem Kopftuch nimmt einen weiteren Zug, bevor sie den Schlauch an ihren Mann weiterreicht. Dieser wirft einen sorgfältigen Blick auf die langsam verglühende Kohle des aluminiumbedeckten Kopfes der Wasserpfeife. Zufrieden mit seiner Arbeit nimmt er einen tiefen Zug und schließt genießerisch die Augen, so als wollte er jedes kleinste bißchen dieses kostbaren Tages einsaugen. Während ein Sommer in seiner Heimat endlos ist, sind Stunden wie diese in Wien rare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann.n

    Mit immer noch geschlossenen Augen greift der Familienvater zielsicher auf eines der Produkt aus seiner alten Heimat, die in einem weiten Halbkreis auf der Wiese verteilt liegen. Sogar die Mineralwasserflaschen haben eine türkische Aufschrift, sei es als stiller Trotz gegen das vielgerühmte Wiener Leitungswasser, oder einfach nur als Überbleibsel der eigenen Herkunft, die man nicht aufgeben möchte.

    Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal.

    Neben des zwar provisorischen, aber äußerst aufwendig errichteten türkischen Dorfes, liegen auf deutlich simpleren Unterlagen oder einfach direkt im Gras Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal. Hier, an der U6 Station Neue Donau, darf Wien das sein, was es gerne öfter wäre: eine vor Lebendigkeit pulsierende südeuropäische Metropole, in der jeder von überall herkommt, und wo alle willkommen sind.

    Während die Wiener Sommerstunden verrinnen, steigt die Temperatur weit über die dreißig Grad Marke. Von der Hitze unbeeindruckt schlägt eine Gruppe asiatischer Frauen neben den Türken ein neues Lager auf. Ihr Reich besteht vor allem aus aufwendig zubereiteten Speisen, die in Tupperware-Behältern aller Farben, Größen und Formen mitgebracht wurden. Irgendwann stößt ein Mann zu der Gruppe, der die Damen zwar zu kennen scheint und auch ihre Sprache spricht, der aber dennoch nicht mit ihnen auf dem Handtuch sitzen darf. Hungrig schielt er auf die dargebotenen Köstlichkeiten, bis ihm endlich eine der Frauen einen köstlichen Behälter gebratener Nudeln reicht.

    Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch.

    Im Bereich des einzigen Baumes direkt am Ufer im Umkreis von zweihundert Metern ist mittlerweile kein Fleck Wiese mehr frei. Man liegt dicht auf dicht, was außer dem Corona-Babyelefanten niemand zu stören scheint. Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, und sogar Ur-Österreicher legen plötzlich jede Menschenscheu ab: Eine ältere Dame mit leuchtend weißer Haut unterhält sich mit zwei jungen verschleierten Mädchen. Neugierig fragt sie, warum die Damen erst ihr Gesicht verbergen, um fremde Männer nicht in Versuchung zu führen, um sich dann dicke Schminke um die Augen aufzutragen, die sie erst recht noch reizvoller erscheinen lässt. Ein Mann aus dem Irak gesellt sich zu der Gruppe, und auch wenn kaum jemand Deutsch spricht, funktioniert die interkulturelle Kommunikation bestens.

    Manchmal scheint es, als wären die Deutschen extra nach Wien gezogen, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Doch auch reines Hochdeutsch ist zu hören, von zwei Studentinnen aus Hannover. Die eine schwärmt von ihrem letzten Backpacker-Trip nach Kambodscha, der sie auf eine geheimnisvolle Insel gebracht hatte. Nie wieder, erzählt sie der staunenden Freundin, habe sie von dort weggewollt, weil dort die wildesten Partys der Welt gefeiert werden. Nach zwei Wochen jedoch hatte sie genug gehabt, und wollte den mit einem Mal schrecklich gewordenen Ort so schnell wie möglich verlassen. Eine Affäre mit einem Schwarzen aus Amerika war schief gegangen, denn sie erwarte von einem Mann, dass dieser sie rund um die Uhr betreue, und der Amerikaner hatte diesen Ansprüchen nicht genügt. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, der das Gespräch mithört. Er lehnt sich zu seiner Frau und meint, dass die Deutschen nur deshalb nach Wien gezogen sind, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.

    Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig Wien ohne die Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht gäben würde.

    Immer weitere Menschen strömen von der Ubahn ans kühlende Ufer der Donau. Auf den Schultern trägt ein junger Mann eine Palette Dosenbier, das anschließend warm getrunken wird. Man ist hier nicht zimperlich, der siebente Bezirk mit seinen Moscow Mules ist Welten entfernt. Die einzige gastronomische Einrichtung ist ein Eisstand, der Twinni, Cornetto und andere Besteller der letzten Jahrzehnte verkauft. Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig die Stadt ohne ihre Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht geben würde. Wien darf immer Istanbul, Belgrad und Kabul bleiben und muss sein multikulturelles, pulsierendes Herz diesseits und jenseits der Neuen Donau bewahren.

  • Der Tod kommt auch nachhause

    An einem frühsommerlichen Donnerstagnachmittag im April scheint der Wiener Auer-Welsbach-Park in den Sommerferien zu liegen. Auf der großen Wiese wirft eine Gruppe Studenten einen Frisbee von einem zum anderen. Mütter schieben ihre Kinderwägen nebeneinander her, während sie sich über Bewältigungsstrategien für den beschäftigungslosen Nachwuchs austauschen. Ein Polizeiauto fährt im Schritttempo über den Kiesweg, der den Park von Osten nach Westen durchschneidet. Die Blicke aus dem Inneren des Fahrzeuges schweifen über die gut gefüllte Anlage, doch die Beamten schreiten nicht ein. Wer möchte schon entscheiden, wo das Verbot anfängt, und die Freiheit aufhört?

    Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Ich setze mich auf eine Bank, penibel darauf bedacht, den Sicherheitsabstand zu einem älteren Herren einzuhalten, der zwei Bänke weiter mit nacktem Oberkörper die Wärme genießt. Er verschließt die Augen, vor der grellen Sonne, aber auch vor der tödlichen Gefahr, der er sich durch seine bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum aussetzt. Weil man sich seit Corona einfach so auch mit Fremden unterhält, kommen wir ins Gespräch. Wir sprechen darüber, dass während Krankenpfleger in den Spitälern um menschliche Leben kämpfen, Supermarktmitarbeiter leergekaufte Regale nachschlichten oder Apotheker Extraschichten schieben, wir Nicht-System-Erhalter hier im Park die Stunden verstreichen lassen. Er erzählt mir von seinem Enkel, der jetzt mehr Geld als vor der Krise hat, weil es im Supermarkt keine Fernseher, Videospiele oder neue Boxen für sein Auto gibt. Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.

    Das Geld müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Ohnehin versteht er nicht, wie das alles noch funktioniert und rechnet mir vor, dass 560.000 Menschen in Österreich arbeitslos sind. 2,5 Millionen beziehen Pensionszahlungen. 1,3 Millionen sind Schüler, die vom physischen Unterricht befreit sind, genauso wie 375.000 Studenten nicht an ihre Universitäten können. Das Land steht auf Pause, meint der alte Herr, doch obwohl scheinbar niemand mehr da ist, der die ausfließenden Staatskassen auffüllt, stellt die Regierung ein 37 Milliarden schweres Hilfspaket auf die Beine. Er fragt mich, wie sich das ausgeht, und woher dieses Geld kommt. Es müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.

    Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen.

    Da ich keine Antworten auf seine Fragen habe, möchte ich vom ihm wissen, ob er Angst hat, sich anzustecken, wenn er sich hier draußen aufhält. Er lächelt mich an und antwortet, dass er letztes Jahr eine Chemotherapie durchgemacht hat, die ihn fast das Leben gekostet hat. Seither kommt er jeden Tag hierher in diesen Park. Er sieht den Leuten beim Spazierengehen und den Bäumen beim Wachsen zu. Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen. Seit dem Krebs hat er keine Angst mehr, erzählt er mir, denn wenn man einmal das Schlimmste hinter sich hat weiß man, dass es auch wieder besser wird. „Mei Krebs kann sich dann mit dem Corona ausschnapsen, wer das Licht odraht“, erklärt er mir in breitem Wienerisch und fügt abschließend hinzu, dass einen der Tod auch in der eigenen Wohnung findet.

  • Endlich verpassen wir nichts mehr

    An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.

    Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.

    Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.

    In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.

    Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.

  • Wenn der Wienfluss wieder leuchtet

    Hoch über dem Wienfluss verliert ein ruhig dahingleitendes Flugzeug im Landeanflug innerhalb weniger Sekunden hunderte Meter an Höhe. Wer hier unter einer der Haupteinflugschneisen der Stadt lebt, bemerkt die normalerweise im Minutentakt einfliegenden Maschinen nicht mehr. An diesem Tag bleibe ich stehen und blicke in einen strahlenden Himmel, den der Pilot heute nur mit der Sonne teilen muss. Nach ihm kommt keiner mehr, und auch vor ihm war stundenlang nichts.

    Nicht nur zehntausend Meter über dem Erdboden, sondern auch unten auf den Straßen Wiens ist Ruhe eingekehrt. Selbst in dieser die Stille vergötternden Stadt hat diese eine bisher ungekannte Dimension erreicht. Gleichzeitig mit dem Abschwingen des Klanges legt sich eine dämpfende Tatenlosigkeit über das eigene Handeln.

    Noch vor wenigen Wochen war nichts unmöglich: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schien fast jeder Punkt der Erde erreichbar. Wir aßen in Paris Croissants zum Frühstück und schlürften zum Abendessen Nudelsuppen in Bangkok. Wir begannen den Tag mit einer alten Liebschaft in Wien, um ihn mit einer auf dem Handy kennengelernten Affaire in Rio de Janeiro zu beenden. Nun ist alles anders: Es gibt keine Flugzeuge mehr, in die wir steigen können. In der häuslichen Isolation lassen sich keine Affairen küssen. Übers Wochenende nach New York sausen, um dort dieselben Dinge einzukaufen, die wir sonst auch auf der Mariahilfer Straße bekommen, ist unmöglich geworden. Doch anstatt vor Langeweile zu verzweifeln, wird diese Beraubung aller Optionen zur Befreiung.

    Minutenlang starrt mein Sohn eine Blume am Wegrand an. Plötzliche verstehe ich, was er an ihr so spannend findet. Oder daran, begeistert einen Stein nach dem anderen ins Wasser des Wienflusses zu werfen. Wo ich früher nur einen schäbigen Kanal wahrnahm, entdecke ich heute mehr, als bei meiner letzten Asienrundreise: Pflanzen, Bäume, Gräser und Tiere, die ihre Köpfe nach einem langen Winter empor recken. Die erstaunt eine Luft einatmen, die ganz anders riecht, nämlich einfach nur nach Luft, auch sie hat sich ihrer Ballaststoffe entledigt. Der wenige Meter schmale Strom ist nicht der schönste Fleck Wiens – aber er ist der schönste Fleck in meiner plötzlich eng begrenzten Welt. All die Sehnsuchtsorte, all die breiteren, schöneren, blaueren Flüsse und Meere da draußen existieren nicht mehr. Heute, morgen, und nächste Woche gibt es nichts weiter zu tun, als hierher zu kommen, und jeder für sich ein paar Schritte zu gehen.

    Nach langem kommt mir ein Spaziergänger entgegen, und das in Wien Undenkbare geschieht: obwohl wir uns nicht kennen, lächeln wir einander freundlich an. Während ich umdrehe und wieder nachhause gehe frage ich mich, ob das nun die neue Welt ist. Ob uns jemand da oben, kurz vorm Weltuntergang, noch einmal eine allerletzte Chance geben wollte, es besser zu machen. Wir alle, lasst es uns besser machen.

  • Wo die wilden Wiener wohnen

     

    Freitagvormittag, die Regierung hat weitere Maßnahmen wegen der Corona-Krise angekündigt. In einen Supermarkt in Wien-Liesing spielt sich folgende Szene ab: ein Kunde türmt Lebensmittel in seinem Einkaufswagen auf, so als wolle er eine Schutzmauer aus Spaghetti, Dosenthunfisch und Leberaufstrich bauen. Gerade nimmt er die letzte Packung Nudeln aus dem Regal, bevor ein zweiter Mann mit fast leerem Einkaufswagen zugreifen kann.

    „Heast, gib ma doch ein Packerl ab“

    „Schleich di, du Trottel“

    Der Mann mit dem leeren Wagen greift sich daraufhin eine Packung vom Lebensmittelturm aus dem Wagen des anderen. Die Umstehenden halten den Atem an, es ist wie bei einer Partie Jenga mit bunten Kartonverpackungen. Für einen kurzen Moment glauben wir, dass der Turm in sich zusammenbrechen und die beiden Streitenden unter sich begraben wird. Stattdessen schlägt der eine Mann dem anderen ins Gesicht. Eine Prügelei bricht aus, über eine Packung Spaghetti n.5.

    Corona hält uns den Spiegel vor, wie wir mit den immer noch minimalen Einschränkungen in unserem Alltag umgehen – minimal im Vergleich zu dem, was viele andere Menschen ganz ohne Corona durchmachen müssen. Vielleicht können wir diese Krise als Chance nutzen, um mehr Verständnis aufzubringen. Wir verlieren schon wegen einem Tag jede Fassung, an dem die Mitarbeiter der Supermärkte nicht mit dem Nachschlichten nachkommen. Das könnte jenen einen Denkanstoß geben, die normalerweise vorm Computer sitzen und belustigte Kommentare über Flüchtlinge posten, die sich doch bitte nicht so aufführen sollen wegen dem bisschen Krieg in ihrer Heimat.

     

    Liebe Supermarktketten: bitte gewährt jedem eurer Mitarbeiter, der jetzt gerade Dienst versieht, nach dem Ende der Pandemie zwei Wochen bezahlten Sonderurlaub. Mit all den zusätzlich verkauften Sugogläsern und Dosensuppen sollte das doch drinnen sein. Liebe Ärzte und Krankenpfleger, ihr seid Helden und Heldinnen. Und ihr liebe Wiener, die das Glück haben, nicht direkt an der Front eingeteilt zu sein: teilt die Nudeln mit euren Nachbarn, helft euren Mitmenschen, bleibt poetisch, ruhig, und ansonsten zuhause.

  • nReparaturseidl fürs Wiener WUK

    An einem eiskalten Dezembermorgen liegt eine beruhigende Still über dem Innenhof des Wiener WUK. Hier, wo im Sommer unter großem Trubel Fußballweltmeisterschaften geschaut werden, Konzerte stattfinden oder Fahrräder verkauft werden, liegt die majestätische Anlage an diesem Tag heute ganz sich selbst überlassen da.

    Als Wiener bringt man bei jedem Besuch zahlreiche eindrückliche Erinnerungen an das WUK mit, die in uns allen ein ganz individuelles, einzigartiges Bild von der Kulturinstitution am äußersten Ende der Währinger Straße zeichnen. Von lauen Sommerabenden, die langsam im Dunst der weißen Spritzer dahinschwinden, über lange Nächte bei einem der vielen Feste im Bühnenraum, hat das WUK tiefe Spuren in unser aller Jugenden hinterlassen.

    Heute bin ich hier, um das WUK zu retten. So dramatisch das klingt und so klein mein persönlicher Anteil bei der Sache tatsächlich ist, bleibt das Faktum, dass eine der vielfältigsten Kulturorganisationen der Stadt unter Geldproblemen leidet. Denn das WUK ist alt, sehr alt sogar, über hundertsechzig Jahre um genau zu sein. Diese haben nicht nur in uns, sondern auch an dem Gebäude selbst Spuren hinterlassen. Die Bierbrauerei Ottakringer hat deshalb zum Trinken für das WUK aufgerufen und dazu das Kultur-Reparatur-Seidl ins Leben gerufen. Von jedem gekauften Sechsertragerl fließt ein Euro in die Fassaden, Technik und Mauern des WUK. Wer nächstes Wochenende nach einem guten Grund sucht sich zu betrinken, hat diesen hiermit gefunden.

    Astrid Exner, die Leiterin der Kommunikation des WUK, nimmt mich in Empfang. Sie hat einen Generalschlüssel mitgebracht, mit dem man in fast jeden Raum des Gebäudes hineingelangt. Gemeinsam schreiten wir durch die weitläufigen Korridore, in denen ich mich ohne ihre Führung sofort verlaufen würde. Es wirkt wie ein altes Ritterschloss, und tatsächlich verbirgt sich hinter jeder Tür ein kleiner Schatz. Einmal treten wir in eine Werkstatt, in welcher an allen Wänden und der Decke alte Fahrräder, Werkzeuge und Ersatzteile hängen. Für lächerliche vier Euro können die Wiener diesen Raum benutzen, um ihre Drahtesel wieder fit zu machen. Heute ist niemand da, außer dem Geist von hunderten Fahrrädern, die in diesem Raum ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

    Ein anderes Mal stehen wir plötzlich in einer Holzwerkstatt, in der eifrig gefräst, zugeschnitten und lackiert wird. „Ein Künstler aus Holland ist gerade in der Stadt, der kann hier an seinen Installationen feilen“, erklärt mir ein Mitarbeiter. Generell scheint im WUK an jedem Eck ein Kunstschaffender zu stehen, der gerade an einem neuen Kunstwerk arbeitet. Auf die Frage, ob man mir hier dabei helfen könnte, meine Ikea Kästen zusammen zu bauen, ernte ich nur ein vielsagendes Lächeln.

    Wir schreiten weiter durch Ateliers, in denen die wundersamsten Produkte hängen. Während einige Trakte voller Leben sind, möchte man bei anderen am liebsten sofort ein Reparaturseidl köpfen, um sie wieder in Schuss zu bekommen. Mit einem Mal stehe ich vor einem furchteinflößenden Gerät, von dem ich erfahre, dass es sich um die Maschine zum Knochenschreddern aus dem Film „Der Knochenmann“ handelt. Sie ist nur eine von vielen Requisiten und Menschen, die es in die Filme, Ausstellungen oder Theater des Landes geschafft haben.

    Schließlich stehen wir in einer Keramikwerkstatt, dem Reich von Justine Wohlmuth. „Seitdem es das iPhone gibt, essen die Leute wieder bevorzugt von Keramiktellern“, erzählt sie uns über den Boom, den ihr Handwerk durch die Technik „designed in California“ erfahren hat. „Die Leute fotografieren gerne ihr Essen – und ein langweiliger Teller aus dem Möbelhaus gibt da einfach keinen originellen Hintergrund ab.“ Während viele Bereiche des WUK der breiten Öffentlichkeit offen stehen, ist die Keramikwerkstatt professionellen Handwerkern vorbehalten. Es ist kein Raum für gestresste Manager, die einmal im Jahr etwas anderes unter ihren Fingern fühlen wollen, als ihre Computertastatur. Dafür kann man die zahlreich ausgestellten Werkstücke auf diversen Märkten kaufen, um sein Essen im richtigen Licht erscheinen zu lassen.

    Doch das WUK ist nicht nur ein Ort der Kunst, sondern auch der Begegnung und Erziehung. Hinter einer großen Metalltür liegen blaue Turnmatten neben an der Wand montierten Klettergerüsten. Zwei junge Burschen kommen uns entgegen gestürmt. Der eine beißt in sein Pausenbrot während er sich vergewissert, ob wir eh hier sein dürfen. Im WUK schaut man aufeinander, jeder nimmt eine Rolle in einem großen Ganzen ein, das in seiner Summe eines der bunt schlagendsten Herzen der Stadt ergibt.

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    Zum Abschluss erklimmen wir den Gipfel des Gebäudes und stehen auf einer gewaltigen Terrasse am Dach der gewaltigen Anlage. Obwohl es ein grauer Wintertag ist, sieht man die Silhouette des Kahlenbergs am Horizont, während unter uns gerade der Wochenmarkt aufgebaut wird, bei dem Lebensmittel vom rollenden Bio-Laden gekauft werden können. „Das ganze soziokulturelle Zentrum WUK ist ein Freiraum, in dem man durchatmen kann. Und ein bisschen ist es auch ein gallisches Dorf“, meint Astrid Exner zu mir, bevor wir uns vom eiskalten Wind in die Flucht geschlagen wieder an den langen Abstieg zum Erdboden machen.

    Ottakringer spendet für jedes gekaufte Sechsertragerl des Reparatur-Seidls einen Euro an das WUK. 200.000 Menschen besuchen das WUK jedes Jahr, um eine der vielfältigen Veranstaltungen zu besuchen, die hier unter einem großen Dach stattfinden. Rund 150 Hausgruppen, Initiativen und Einzelpersonen arbeiten in den sieben selbstverwalteten Bereichen Tanz/Theater/Performance, Musik, Bildende Kunst, Werkstätten, Gesellschaftspolitik, Kinder/Jugend und Interkulturell.

    Dieser Text konnte dank freundlicher Unterstützung von Ottakringer realisiert werden.

     

  • Wenn Alltagspoeten über Alltagsrassisten sprechen

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    Eine Frau mit Kopftuch steht an der Supermarktkasse irgendwo in Wiens Peripherie. Während sie ihre Waren aufs Band legt, drängt sich eine blonde Dame vor mit den Worten “Sei froh, dass du überhaupt hier leben darfst.”

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    Diese Szene habe ich gestern mit der Bildunterschrift „Wie kann so eine schöne Stadt so hässlich sein?“ auf den Wiener Alltagspoeten geposted. Was folgte, kann man wohl als Shitstorm bezeichnen. Wobei sich die Menge derer, die es gut fanden, dass auf solch grausigen Alltagsrassismus hingewiesen wird, und die Zahl der anderen, laut derer man so etwas keine Plattform geben sollte, ziemlich die Waage hielt.

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    Meiner Meinung nach kann man beide Ansichten vertreten und argumentieren. Ich nehme den Applaus darüber, dass ich meine Reichweite dafür genutzt habe, um auf solche Missstände hinzuweisen genauso an wie die Kritik, dass man so etwas keine Bühne bieten sollte. Denjenigen die mir vorwerfen, so ein Spruch hätte auf den Alltagspoeten nichts zu suchen, stimme ich zu – aber so eine Aussage sollte überhaupt nirgendwo Platz haben. Dennoch finden Szenen wie diese in ähnlicher Form jeden Tag in Wien statt. Für mich stellt sich deshalb nicht die Frage, ob es meine Aufgabe als Betreiber der Wiener Alltagspoeten ist, auf Rassismus in Wien hinzuweisen. Es ist vielmehr unser aller Aufgabe über Dinge zu sprechen, die nicht in Ordnung sind. nWien ist eben nicht bloß Poesie, Schmäh und Laissez Faire, nicht nur gemütliches Philosophieren im Kaffeehaus, sondern auch furchtbarer Alltagsrassismus an der Supermarktkassa, auf der Straße, und im Beisl.

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    „Wir hören Wien zu“ ist das Motto meiner Wiener Alltagspoeten, und ich wollte auch in diesem Moment nicht weghören. Schließlich gibt es in Wien Rassisten, auch wenn sie uns auf Facebook nicht ausgespielt werden. Wir schieben die Schuld für unser Leben in der Bubble gerne auf die Algorithmen sozialen Netzwerke, aber vielleicht erfüllen die Plattformen aus dem Sillicon Valley vielmehr unseren ureigenen Wunsch nach Isolation inmitten einer Schar Gleichdenkender.

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    Zum jetzigen Stand wurden über 600 Kommentare unter mein Posting auf Instagram und Facebook abgegeben, dazu kamen ein paar dutzend Privatnachrichten. Es geht mir mit diesem Text nicht darum zu argumentieren, ob es nun richtig oder falsch ist, so eine Situation zu veröffentlichen – ich verstehe die Argumentationen beider Lager und beide haben Recht genauso wie sie Unrecht haben. Wir sollten ohnehin damit aufhören, unser schlechtes Gewissen dadurch ruhig zu stellen, indem wir uns in den sozialen Netzwerken lautstark echauffieren, nur um uns den ständig gleich klingenden Applaus unserer Blase abzuholen und uns trüglicherweise so zu fühlen, als hätten wir mit unserer Brandrede gegen den Rassismus/Klimawandel/Unrecht der Welt dadurch irgendetwas verbessert.

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    Stattdessen wünsche ich mir, dass beim nächsten Mal, wenn wir in der Realität mit einer Situation konfrontiert sind, in der eine Minderheit, ein Älterer, Jüngerer, Schwärzerer, Asiatischerer, Weiblicherer, Männlicherer oder Schwächerer diskriminiert, attackiert oder sonst wie schlecht behandelt wird, dass wir dann, direkt vor Ort, in echt, in der Welt da draußen, genauso viele Kommentare abgeben. Dass wir die Privatnachrichten an Ort und Stelle verbal mitteilen, indem wir unser Handy weglegen und unseren Mund aufmachen. Wir alle, die wir innerhalb der virtuellen Klimaschutz/Stoffbeutel/Gleichheits-Bubble oft sehr laut sind, sind nämlich in der Realität da draußen oft sehr, sehr leise.

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  • Wo die wilden Pferde leben

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    Tierarzt Doktor Ovidiu Roschu beugt sich über die Stute, die vor ihm auf dem Boden der endlosen Weite des rumänischen Donaudeltas liegt. Hier mitten im Nirgendwo, fernab von Straßen, Geschäften und der europäischen Zivilisation führt die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN ein Geburtenkontrollprogramm für die Wildpferde des Donaudeltas durch. Am Horizont können wir die Bäume des über 2800 Hektar großen Letea-Waldes erspähen, einem der letzten, vom Menschen fast unberührten Naturparadiese Europas.

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    Die Anreise von Wien aus dauert genauso lange wie ein Flug an die amerikanische Westküste: Nach der Landung in Bukarest kämpfen wir uns zunächst über den verstopften Autobahnring, in dem die Fahrzeuge im Kolonnenverkehr um die Hauptstadt kreisen. Anschließend geht es vier Stunden lang durch die flache Landschaft Südrumäniens, über leere Landstraßen, an denen junge Mädchen den Vorbeifahrenden in Plastiksäcke verpackte Nüsse entgegenstrecken.

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    Endlich angelangt in der Hafenstadt Tulcea trennen uns nur noch wenige Kilometer bis zu unserem Ziel, doch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, stellen diese ein letztes, unüberwindliches Hindernis dar. Wir müssen bis zum Sonnenaufgang warten, erst dann dürfen die Boote die eineinhalbstündige Überfahrt nach Letea antreten. Obwohl die Fischer problemlos auch ohne Tageslicht navigieren könnten, drohen ihnen horrende Strafen, falls sie sich in der Nacht auf den Weg machen.

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    Am nächsten Morgen besteigen wir ein kleines Motorboot, das unter der Last unseres Gepäcks bedrohlich zu schaukeln beginnt. Während die Ufer des Donaudelta links und rechts an uns vorbeiziehen, rückt die Zivilisation mit jeder Minute ein Stück weiter weg. Als wir in Letea anlegen und den ersten Schritt auf den Anlegesteg des Dorfes wagen haben wir bereits vergessen, dass wir uns noch auf dieser Welt befinden. Hier gibt es keine Hotels, keine Supermärkte, keine Geschäfte, ja nicht einmal Straßen, sondern nur die endlose Weite Rumäniens und der Ukraine, die einen bloßen Steinwurf weit entfernt liegt. Dieser Teil des Landes ist nicht an das öffentliche Straßennetz angeschlossen, es oblag den Einheimischen in jahrzehntelanger Beständigkeit mit ihren gegen den Rost ankämpfenden Autos Fahrspuren in den Staub der kargen, zwischen der Donau und dem schwarzen Meer eingegrenzten Landschaft zu graben.

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    Auf den ersten Blick erscheint es völlig widersinnig, hier mitten im Nirgendwo ein Geburtenkontrollprogramm für Wildpferde durchzuführen. Doch die Idylle trügt, denn die Existenz der Tiere wäre im Jahr 2011 fast beendet worden. Der Letea Wald ist ein Unesco Biosphärenschutzgebiet, was die Pferde jedoch wenig beeindruckt: sie nutzen die streng geschützte Flora und Fauna des Waldes als Futterquelle und beschädigen dadurch die wertvollste touristische Einnahmequelle der Region. Auf Anweisung der Politik begannen die Einheimischen schließlich, die Pferde zusammenzutreiben und für den Transport zum Schlachthof bereit zu machen. Im letzten Moment verhinderte VIER PFOTEN ihre Auslöschung, indem man anbot, die gefangenen Pferde zu übernehmen. Als weitere Maßnahme wurde ein Geburtenkontrollprogramm in der Region gestartet, um die Pferdepopulation im Zaum zuhalten. Außerdem wurde mit EU Geldern ein Zaun um den Letea Wald gespannt – jedoch vergaß man, die sich zu diesem Zeitpunkt im Wald aufhaltenden Pferde vorher rauszuholen.

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    Wir verbringen die Nacht bei Toni, einem geschäftstüchtigen Einheimischen, der als einer der ersten im Dorf das touristische Potential seiner Heimat erkannt hat und in seinem Bauernhaus Gästezimmer anbietet. Seit diesem Jahr betreibt er zusätzlich einen kleinen Laden, in dem Gemüse aus der Region, Wasser und vom Festland hergebrachte Kartoffelchips verkauft werden. Abends sitzen die Einheimischen auf dem Holztisch vor dem Geschäft und starren auf die Besucher aus der fremden Welt. In der Unterkunft gibt es zwar Strom und gelegentlich warmes Wasser, aber kein Internet. Auf einem brandneuen Flat-Screen Bilder laufen beim Frühstück Bilder der Protestzüge in Hongkong, während wir den von Tonis Frau zubereiteten frittierten Fisch verspeisen.

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    Am nächsten Morgen machen wir uns auf der Ladefläche eines schweren Trucks schließlich auf in Richtung der German Fields, die den Letea-Wald umgeben und auf denen sich die Pferde bevorzugt aufhalten. Normalerweise werden auf Fahrzeugen wie diesen Touristen durch die Gegend gekarrt, heute ist unser Team um den in Bukarest lebenden Tierarzt Ovidiu Roschu hier, um die wilden Pferde von Letea zu sterilisieren. Unterstützt wird er durch Helga Kausel, die in ihrem Beruf als Tierärztin um die ganze Welt reist. „Pferde sind die einzigen Tiere, die wir behandeln, die nicht mehr leben würden, wenn sie nicht domestiziert worden wären“, erklärt sie mit dem Verweis auf die komplizierte Physionomie von Pferden. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass auf den Touren von Doktor Roschu verletzte Tiere behandelt werden müssen. Wer in der Wildnis unterwegs ist, weiß nie, was einen erwartet.

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    Heute dauert es nicht lange, bis wir die erste Herde finden. Für die Pferde ist es ohnehin unmöglich sich zu verstecken, da es so weit das Auge reicht weder Hügel noch Bäume gibt, sondern nur dünnes Gestrüpp. Vor 30.000 Jahren trug der Boden über den wir heute fahren noch das Gewicht des Schwarzen Meeres auf sich, durch das Salzwasser wurde die Erde für die nächsten Jahrtausende unfruchtbar gemacht. Die wenigen Pflanzen haben das Aussehen violetter und rötlicher Korallen, die man hier ganz ohne Tauchschein bewundern kann, da sie offen unter der brennenden Spätsommersonne des Deltas liegen.

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    Doktor Roschu hat mittlerweile sein Betäubungsgewehr geladen. Er legt an, zielt und trifft die Stute, die erschrocken davonläuft, nur um wenige Minuten später zu Boden zu gehen. Anschließend wird das Kontrazeptivum verabreicht, welches sie für das nächste Jahr unfruchtbar werden lässt, ein Opfer, das gebracht werden muss, um das Überleben ihrer Spezies zu sichern. Die Prozedur dauert fast eine Stunde, anschließend wird das Tier markiert und in einer Excel Tabelle eingetragen, bis es weitergeht. So vergehen Stunden, in denen in aufwendiger Prozedur ein Tier nach dem anderen behandelt wird. Die immer gleiche Arbeit in der sich nie ändernden Landschaft der German Fields lässt einen jedes Zeitgefühl vergessen. Zu Mittag wird kurz Pause gemacht und das von Tonis Frau vorgekochte Mittagessen, gebackener Fisch, verspeist. „Jetzt wo es warm ist haben wir kein Problem“, erklärt Doktor Roschu. „Im Winter, wenn der Wind ungebremst durch die Weite des Landes pfeift, ist es schlimm. Wir können dann oft überhaupt nur anreisen, weil von Sulina aus große Eisbrecher hierher fahren, die durch die gefrorene Donau durchkommen.“

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    Irgendwann wird es aber doch Abend, und unsere rumänischen Kollegen wollen uns noch etwas Besonderes zum Abschluss zeigen. Wir klettern eine sandige, muschelbedeckte Düne hoch, die geradewegs von der Küste des schwarzen Meeres zu stammen scheint. Irgendwann, in weiteren 30.000 Jahren vielleicht, wird das Salz aus dem Boden der German Fields gewaschen sein und die ganze Ebene, endlich befreit von der Last der Unfruchtbarkeit, erblühen. Zurück in Tonis Unterkunft wird zum Abendessen Fisch serviert. Der rumänische Projektleiter hält nach dem zweiten Tuica, einem nach Spiritus riechenden rumänischen Schnaps, einen halbstündigen Monolog über die Korruptheit der Regierung und die Herzlosigkeit des modernen Fußballs. Eigentlich war eine Feier in der örtlichen „Bar“ geplant, doch die Band hat abgesagt, vielleicht war ihnen die Überfahrt ans Ende der Welt zu beschwerlich.

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    Am nächsten Tag fahren wir zum letzten Mal über die staubige Hauptstraße Leteas, unter den schweigenden Blicken der Einheimischen, denen die heißen Sommer, aber vor allem die langen Winter, in denen es hier nichts gibt als unendliche Kälte, die Mundwinkel nach unten ragend eingefroren haben. Noch einmal geht es vorbei an den schilfbedeckten Häusern, bei denen jedes zweite eine vergessene Ruine zu sein scheint. Wollte man all das hier zerstören, würde man ein Yogazentrum für gestresste Großstädter eröffnen. Auf der Bootsfahrt zurück wird nicht viel gesprochen, während die Datenverbindungen unserer Handys langsam wieder anspringen und wir die ersten echten Häuser am Hafen von Tulcea erkennen, einer Kleinstadt, die uns nach drei Tagen in Letea vorkommt wie das Zentrum der Welt.

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    Ich durfte für VIER PFOTEN einen Podcast über die Reise nach Letea moderieren, den ihr euch hier anhören könnt.

  • Santorin – Am Rande der Caldera

    Vor mehr als dreitausend Jahren verdunkelte sich der Himmel über der Ägäis hinter einem undurchdringlichen Vorhang dicker Wolken. Wellen türmten hoch wie Wolkenkratzer, um anschließend mit der Wucht von dreihundert Stundenkilometern auf das pechschwarz gefärbte Meer einzustürzen. Es heißt, dass durch den Ausbruch der Vulkaninsel Thera nicht nur ein Großteil der Fläche Santorins in den Fluten versank, sodass seither nur mehr die Kreisrunde „Caldera“ an die Oberfläche ragt, sondern auch gleich die minoische und ägyptische Kultur mit in die Fluten gerissen wurde.

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    Heute ist es keine Naturgewalt mehr, die Schrecken und Zerstörung bringt. Feuer und Gestein wurden von den im Minutentakt landenden Flugzeugen abgelöst, die auf dem kargen, gerade einmal fünfzehn Quadratmeter großen Felsbrocken mitten auf der ägäischen See aufschlagen. Tödlicher als jede noch so heiße Lava strömen die Menschenmassen aus den Inneren der metallenen Gefährte auf den Gipfel der Insel, der das letzte Hindernis zwischen ihnen und dem legendären Santoriner Sonnenuntergang darstellt. In Griechenland versinken die Himmelskörper zwar an jeder Ecke des Landes in malerischer Pracht, doch irgendjemand hat diesen hier als den schönsten seiner Art gekürt, weshalb sich nun allabendlich eine Völkerwanderung durch die engen Gässchen von Oia schiebt.

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    Immer wieder gerät die Prozession ins Stocken, da an den wenigen vorhandenen Aussichtspunkten für Selfies posiert wird. Es bedarf einiges an Geschick seitens der Fotografen, um ihre Modelle als einsam und unbekümmert vor dem Abgrund des tief blauen Meeres sinnierend zu inszenieren, während die Kolonne hinter ihnen ungeduldig mit den Handykameras scharrt. An diesem Abend gibt es einige enttäuschte Gesichter, denn eine dicke Wolkendecke versteckt die Sonne und trübt die Erwartungen, welche die Besucher genährt aus schwedischen, japanischen und kanadischen Reiseprospekten mitgebracht hatten. Der Sonne jedenfalls ist es egal, ob sie im Meer oder unter den Wolken untergeht, ihr Schicksal ist so oder so allabendlich unausweichlich.

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    Nach Einbruch der Nacht setzt die Flucht aus den Bergdörfern Oia und Fira ein, wenn Hunderte, ja im Sommer sogar Tausende, gleichzeitig vom Berg hinunter in ihre Hotels wollen. Auf der kurvigen Gebirgsstraße hupen die rostigen Autos der Einheimischen sinnlos gegen die etwas neuer aussehenden Mietwagen der Besucher an. Die riesigen Linienbusse sind bereits zur Vorsaison überfüllt, obwohl sie in mitteleuropäischer Pünktlichkeit jede halbe Stunde abfahren. Es herrscht hier kein falscher Geiz vor, die Gastgeber hätten schon längst weitere Fahrzeuge bestellt, um den jedes Jahr größer werdenden Massen Herr zu werden, doch mehr dieser tonnenschweren Reisegefährte passen nicht auf die zerfurchte Insel. Das Fassungsvermögen ist längst gesprengt, die Griechen haben aufgegeben, Ordnung in das Chaos zu bringen, so als würden sie sagen, mit uns hat das alles nichts mehr zu tun.

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    Irgendwann passiert, was passieren muss: Einer der Reisebusse schert ruckartig links aus und rammt eine riesige Beule in das winzige Auto neben sich. Der Busfahrer schimpft auf den Lenker des Wagens ein, obwohl er selbst es war, der auf der engen Fahrbahn einen Augenblick lang unachtsam war. Aufgeregt strömen die Touristen aus dem Bus, um Fotos vom geschrotteten Wagen zu machen, der Unfall bringt Abwechslung zwischen den immer gleichen Klippenbildern. Dabei wäre es dieses eine Mal tatsächlich gerechtfertigt, die Linsen ihrer Handys auf sich selbst zu richten, auf sie, welche die wahre Zerstörung anrichten: Durch den Massentourismus kommt die Insel mit den Müllbergen nicht mehr zurecht, der Abfall wird nun in die ehemaligen Bimssteinbrüche gekippt, wodurch archäologische Spuren und fossile Pflanzen für immer zerstört wurden. Die Trinkwasserversorgung ist schon vor Jahren zusammengebrochen, als das Süßwasserreservoir durch die immer intensiver werdende Anzapfung beschädigt und mit Salzwasser vermischt wurde. Im Jahr 2007 versank eines der vielen die Insel ansteuernden Kreuzfahrtschiffe im Meer, es liegt bis heute ungeborgen dort.

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    Unten an der Küste angekommen ist es etwas ruhiger, Familien schieben ihre Kinderwägen an den endlos nebeneinander aufgereihten Lokalen der Uferpromenade entlang. Am von der Vulkanasche für alle Ewigkeit schwarz eingefärbten Strand von Kamera wehen die Schirme über den Strandliegen. Im Zentrum der Ansiedlung steht ein Irish Pub, in dem Fußballspiele der holländischen Liga übertragen werden, während die Briten Pints und Cheeseburger bestellen.

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    Santorin ist ein internationaler Erfolg, hier treffen Welten aufeinander: Die Amerikaner kommentieren lautstark, wie viel Geschichte und Kultur auf der Straße liegt, obwohl es eigentlich nur Häuser und Felsen zu sehen gibt. Die Asiaten geben sich aufgeregt angesichts der neuen Welt, sie haben schließlich das Reisen gerade erst entdeckt, und wenn nur ein paar Prozent mehr Inder in den nächsten Jahrzehnten in die Billigflieger gen Westen steigen, dann müssen die Griechen ein zweites Santorin aus dem Meer stampfen. Die Europäer dagegen stiefeln gelangweilt an den Souvenirshops vorbei, die sie schon in Mallorca leergeräumt haben, man merkt den Bewohnern der alten Welt eine tiefe Müdigkeit an, die ihrer bereits zu lang andauernden Existenz geschuldet ist.

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    Was sich nicht leugnen lässt: schön ist er wirklich, der Sonnenuntergang über Santorin. Doch das ist er an unzähligen anderen Orten des Landes, ja der ganzen Welt, auch, und dort hat man ihn zumeist für sich allein. Doch vielleicht ist es so, dass wir die wahre Schönheit erst dann erkennen und wertschätzen können, wenn wir uns mit Hunderten anderen um sie streiten müssen.

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