Wer in die U-Bahn steigt, hat zumeist ein klares Fahrtziel vor Augen. Doch manchmal lohnt es sich, schon vorher auszusteigen. An einer Station, bei der man bisher nur durchgefahren ist. Um dann vielleicht einen der Lieblingsplätze des Wiener Alltagspoeten entlang der U6 zu entdecken.
Neue Donau: Wenn sich die hitzegeplagte Stadt hier im Sommer zum Baden einfindet, werden interkulturelle Grenzen überwunden wie kaum anderswo – in der Badehose sind alle gleich. Wer es ruhiger möchte, flüchtet über die Brücke auf die Donauinsel, im legendären Eissalon Da Ponte gibt es Melange und Kuchen für 5,20 Euro.
Handelskai: Beim Beislbesuch verkommt das Essenft zur Nebensache. Im Gasthaus Kopp schmecken Schmäh und Schnitzel aber gleichermaßen großartig. Übrigens: Kein Lokal war bisher häufiger Schauplatz auf den Wiener Alltagspoeten.
Nußdorfer Straße: Ein echter Alltagspoet bleibt bei der Getränkeauswahl zwar eher bei Bodenständigem, aber wenn es doch einmal ein Whiskey Sour sein soll, dann mixt diese keiner so schmackhaft wie die Cocktail-Künstler aus dem The Sign.
Alser Straße: Wenn man Wien in einem Markt zusammenfassen müsste, dann wäre es der Brunnenmarkt. Nebenbei kann man hier auch wirklich gut einkaufen. Wer über die Alser Straße anreist, kann zur Einstimmung und als kulturellen Gegensatz einen Kaffee am Yppenplatz genießen.
Josefstädter Straße: Der Gürtel ist Wiens Kebabmeile, doch das Essen vieler dieser Läden lässt sich nur nach einer durchzechten Nacht ertragen. Auf nüchternen Magen empfiehlt sich die Einkehr beim Mangalet, oder sonst auch zwei Stationen weiter beim Dönermeister oder dem Berliner Döner.
Thaliastraße: Livemusik im Café Carina anhören, anschließend im Chelsea zur nie wechselnden Playlist tanzen und zum bitteren Ende (aber nicht vor vier Uhr früh) die Straßenseite ins Concerto wechseln, in dem die dicken Kellermauern vergessen lassen, dass schon lange die Sonne aufgegangen ist.
Burggasse: Das Dach der Hauptbücherei ermöglicht den endlosesten Fernblick entlang der U6. Entweder oben ins Restaurant setzen oder mit ein paar Flaschen Bier auf den Stufen die Aussicht genießen.
Westbahnhof: Sonntags gehörte der alte Westbahnhof den Sandlern und Vertriebenen. Mit dem Umbau zur Bahnhof City wurde zwar jegliche Atmosphäre zerstört, dafür kann man auch am Tag des Herrn Bio- Handsemmeln fürs Frühstück erwerben.
Gumpendorfer Straße: Den lärmenden Gürtel hinter sich lassend flüchtet man von hier ins Café Jelinek, ein Altwiener Kaffeehaus wie aus dem Poeten-Lehrbuch. Inklusive Kachelofen, Zeitungen, alten Sitzpolstern, ausgezeichnetem Kuchen und etwas, das es in Wiener Kaffeehäusern nur selten gibt: wirklich guten Kaffee.
Das alte Jahr liegt auch hier, an der Peripherie Wiens, in seinen letzten Atemzügen, genauso wie man selbst, während man keuchend der abfahrbereiten Ubahn hinterher läuft. In letzter Sekunde schafft man es hineinzuspringen, bevor sich die Türen für immer schließen. Gleich darauf würde zwar der nächste Zug in Richtung Zentrum einfahren, doch das zählt genauso wenig wie die Tatsache, dass nach dem Ende eines alten Jahres immer auch ein neues beginnt. So muss in den letzten zwei verbleibenden Stunden alles erledigt, alles wiedergutgemacht, und alles erlebt werden, wozu ein ganzes Jahr lang keine Gelegenheit war.
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Am Ziel angekommen macht sich endgültig Unruhe breit. Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben.
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Einem jungen Mann war dieser Druck zu viel, er sitzt über seinem eigenen Erbrochenen, stützt das Gesicht in die Hände und verschließt die Augen vor dem, was er da angerichtet hat, vielleicht auch vor dem, was noch kommt. Um ihn herum weichen die Leute zurück, weggetrieben vom unsichtbaren Geruch der ausgestoßenen Exkremente. Von einzelnen früh Gefallenen wie ihm abgesehen ist die Stimmung ausgelassen im Inneren des Wagons, für die meisten besteht noch Hoffnung. Alle dreihundertfünfundsechzig Tage beschließen auch die Wiener, ihre Geziertheit fallen zu lassen und sich auf die Suche nach der einen Silvesternacht zu machen, die sie ewig nicht vergessen werden. Partyhüte sind aufgesetzt, billiger Sekt wird direkt aus der Flasche getrunken, die Fahrt ist kurz und die Getränke bereits lauwarm. Wie auf ein stilles Kommando hin entleert sich der Zug im Herzen der für einmal pulsierenden Stadt. Alles um einen herum ist in aufgeregter Bewegung, jeder hat ein Ziel, an das er schnellstmöglich gelangen muss, bevor die Uhr abläuft. Man selbst eilt schnellen Schrittes zur Wohnung eines Freundes, der ständigen Verführung anderer Feiernder trotzend, die selbstbewusst zu wissen scheinen, wo die endgültige Party des Jahres steigt. Zweifel machen sich breit, ob die eigene Wahl die richtige war. Am Ziel angekommen bestätigt sich die dunke Vorahnung: Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher wir nachleben. Angekommen bei der Feier sind die anwesenden Freunde bereits alt geworden in den letzten Silvestern, auch wenn sie sich entschlossen an den Ottakringer Dosen ihrer Jugend festhalten. Einer erzählt von seinen Kindern, erschrocken dreht man sich weg, als er tatsächlich sein Handy herausholt, um Fotos vom Nachwuchs in die milde lächelnde Runde zu halten. Zum Glück läutet in diesem Moment das eigene Telefon, die Rettung wartet in Form einer mysteriösen unbekannten Nummer, es ist die letzte ungeplante Variable des digitalen Lebens. Am Ende der Leitung fragt jemand, wo man bleibt, doch wer ist da eigentlich dran? Im Hintergrund hört es sich aufregend an, zumindest besser als im hier und jetzt.
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Das neue Ziel ist ein Lokal am Gürtel, man kennt es gut von vielen beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser.n
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Man verabschiedet sich mit einer schnellen Ausrede und springt in ein Taxi. Der Fahrer kommt aus Afrika, er ist gelassen, vielleicht weil er kein Wiener ist, vielleicht aber auch, weil er arbeiten muss und dadurch keine Chance hat, etwas zu erleben oder zu verpassen. Geduldig fährt er dem Ruf der Telefonstimme nach, das Ziel ist ein Lokal am Gürtel. Man kennt es gut von beliebigen samstäglichen Nächten, doch heute ist Montag und Silvester, alles ist anders, alles wird besser. Immer noch weiß man nicht, wer einen angerufen und herbestellt hat, man sitzt alleine an der Bar und kann weder vor noch zurück, denn dafür reicht die Zeit nicht aus. Zumindest bei den anwesenden Fremden passt der Alkoholisierungsgrad, die Männer grölen und die Frauen jubeln, es ist dieser Moment in einer Nacht, in dem viele Menschen den richtigen Pegel erreicht und sich an einem Ort versammelt haben, um irgendwann miteinander zu schlafen, zu feiern, oder zumindest zu trinken. Man findet keinen Anschluss und hat zu allem Übel selbst aufs Trinken vergessen, weshalb man jetzt schnell versucht aufzuholen. Nach dem vierten Wodka fangen alle plötzlich an zu schreien und von zehn herunter zu zählen, man braucht tatsächlich einen Moment bis man realisiert, dass einem nur noch wenige Sekunden übrig bleiben.
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Gemeinsam mit den anderen läuft man auf die Straße, wo der Himmel über einem explodiert in allen Farben der Welt, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der neue Tag anbrechen.
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Aus den Lokalen strömen unbekannte Menschen auf die Straße, wo der Himmel über einem in allen Farben der Welt explodiert, es ist, als würde Krieg herrschen, und gleichzeitig der nächste Tag anbrechen. Das Atmen fällt schwer, die Feinstaubbelastung ist derart hoch, dass es gar keinen Sinn mehr macht, nicht zu rauchen, es wird Tage dauern, bis die Luft sich von diesem Kater erholt hat, doch auch die Erde muss für diese eine besondere Nacht ihr Opfer bringen. Ein junges Mädchen weint, während sie sich an einer Zigarette festklammert, mit der anderen Hand telefoniert sie mit ihrem Freund, der gerade mit ihr schlussmacht, es ist ein Kalender überschreitendes Beziehungsende, sie trägt das erste gebrochene Herz des neuen Jahres. Auf einem Balkon über der Erde tanzt ein neu geformtes Paar den Donauwalzer zu abgehackten Tönen aus dem Lautsprecher eines alten, aus Afghanistan geflüchteten Mobiltelefons, während ein paar hundert Meter entfernt im Wiener AKH ein Neujahrsbaby geboren wird. Unzählige Schicksale entfalten sich rings um einen, man selbst steht mittendrin und ist dennoch unsichtbar.
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Ein ganzes langes Jahr liegt vor uns, so viel Zeit etwas zu erleben, es kümmert uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden.
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Ein Mädchen steht alleine auf der verlassenen Straße, sie hält eine langsam verglühende Sprühkerze in beiden Händen. Das Feuer liegt in den letzten Zügen, das Pulver Wiens ist verschossen und Erleichterung macht sich breit bei den Feiernden, eine unendlich schwere Last fällt ab, denn das neue Jahr ist endlich angebrochen. Alle Fehler der Vergangenheit sind verziehen, in diesem Moment kümmert es uns wenig, dass wir nun von jeglicher Dringlichkeit befreit wieder in die alte Behäbigkeit zurückfallen werden. Leben kann man schließlich auch später noch, es ist noch so viel Zeit, zumindest bis zum nächsten Silvester, wenn wieder ein Jahr vorüber geht.
Ich muss 19 oder 20 Jahre alt gewesen sein, als ich an einem heißen Sommersonntag zum ersten Mal in meinem Leben das Funkhaus in der Argentinierstraße betrat. Mit etwa 30 anderen jungen, oder zumindest hoffnungsvollen, Menschen war ich zum Assessment Center von FM4 geladen, mit dem der Radiosender jedes Jahr eine Handvoll Praktikanten castete. Geleitet wurde der Tag von Martin Blumenau. Ich erinnere mich noch an seine einführenden Worte, in denen er vor allem von seinem Tshirt erzählte, ich glaube, von der Band Portishead. Jedes Jahr trug er an dem Bewerbungstag laut seinen Ausführungen genau dieses Kleidungsstück, bisher hatte es wohl stets Glück gebracht. Um es vorwegzunehmen: Mir half sein Talisman an diesem Tag nicht. Ich scheiterte bereits im ersten Durchlauf, der aus einem Multiple Choice Test sowie zweier jeweils einminütiger Präsentationen bestand. Er überreichte mir noch wie allen anderen einen Gutschein für ein Essen in der Kantine, aber nach der Mittagspause musste ich Abschied nehmen, ich war mit Bomben und Granaten durchgefallen. Im Anschluss schrieb ich Martin Blumenau eine Email, in der ich die Reißbrettmethode des Assessment Centers kritisierte, in der im Schnelldurchlauf nach der Zukunft des Radiosenders gesucht wurde. Er beantwortete mein Schreiben in seiner ihm eigenen Art: indem er mich beschimpfte.
Es sollte der einzige direkte persönliche Kontakt mit ihm bleiben, und trotz der Niederlage blieb ich weiterhin Stammhörer. In einer Zeit vor Streaming, Spotify und Podcasts versammelte ich fast jeden Mittwoch um Punkt Mitternacht meinen Freundeskreis vor dem Radio, um seinen Worten im Bonustrack zu lauschen. Und um Whiskey zu trinken, grauenhaften Ballantines, den mein Vater kistenweise von seinen Patienten geschenkt bekommen hatte. Wie viele andere amüsierten wir uns über Blumenaus Konfrontationen mit seinen Hörern. Doch wirklich atemlos saßen wir vor dem Gerät, wenn ein junger Mensch anrief, bei dem man das Gefühl hatte, sein Leben hinge am seidenen Faden der Telefonleitung. In diesen Momenten, in denen der um Jahrzehnte ältere Blumenau es schaffte, sich in die Lebenswelt eines sechzehnjährigen Verzweifelten hineinzuversetzen, war er am größten – auch wenn er für das Gegenteil bekannt wurde.
Es war dies die Hochzeit einer Radiostation, deren Gründungspersonen (mein Podcast mit Clemens Haipel zum Nachhören) auch heute noch zu den interessantesten Persönlichkeiten in der österreichischen Medienlandschaft zählt. Martin Blumenaus Fehlen hatte sich schon lange vor seinem Ableben angedeutet, auch auf seinem eigenen Sender, auf dem das neu gecastete Personal sich schwertat, die großen Fußstapfen auszufüllen. Zu oft fehlte dieses Kratzen, das Widerständige und man war so froh, wenn man aufdrehte, und ganz zufällig doch wieder einmal Blumenaus Sendung erwischte. Sie schien mittlerweile fast aus der Zeit gefallen, mit seiner Bereitschaft, Sendezeit zu füllen, ohne sich die eigenen Worte selbst vorzuschreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich auch in Zukunft wenn ich das Radio aufdrehe immer noch diese leise Hoffnung haben werde, dass er nicht doch mal wieder eine Sendung macht und ich genau zum richtigen Zeitpunkt einschalte.
Kurz vor meinem 21. Geburtstag trafen einige meiner Freunde Martin Blumenau zufällig vor dem Flex. Sie baten ihn darum, mir als Geschenk eine kurze Nachricht (damals noch auf Papier!) zu verfassen. Den Zettel habe ich leider irgendwann verloren, aber ich weiß noch, was darauf stand: “Du bist super, Andreas.” Leider gibt es heute keine Zettel mehr, und dich auch nicht, aber ich möchte dir sagen, lieber Martin Blumenau, du bist auch super.
Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt, grau und nass ist, einen Aufenthalt in Zwettl plant, muss scheinbar eine gehörige Portion Wahnsinn mitbringen. Doch auch wenn die Hauptstadt der Region seit 1929, lange bevor das Wort Klimawandel existierte, mit -36,6 Grad Celsius den offiziellen Rekord für die niedrigste, jemals in Österreich gemessene Temperatur hält, herrscht hier eine ehrlichere Kälte als in Wien: Während sie einem in Wien, aufgepeitscht durch Wind und Feuchte, in alle Knochen fährt, hält sie hier oben im scheinbar letzten Winkel des Landes Respektabstand. Genau wie die Bewohner dieser ziellos weitläufigen Landschaft ist sie zwar anwesend, scheint einen jedoch kaum zu berühren. Wie die zumindest vereinzelten Wiener Kennzeichen vor der Oase des Hotel Schwarzalm beweisen, ist es also nicht nur die Kühle des Sommers, welche die Wiener hierherlockt, auch im Winter fliehen die Großstädter hierher – obwohl einige von ihnen den himmlischen Spabereich nur für einen Besuch beim üppigen Frühstücksbuffet verlassen. Wenn vielleicht auch kein Sehnsuchtsort, so ist das Waldviertel für die Wiener doch zumindest ein Rückzugsplatz, an dem man sich vor der Welt verstecken kann.
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Zwettl stellt mit seinen 10.000 Einwohnern das Zentrum der Region dar. Ein Spaziergang durch die verschneiten Straßen der Stadt zeigt schnell, dass sie genauso unprätentiös daherkommt, wie das Waldviertel als Ganzes. Während sich in Wien jede Balustrade unter unnötigem Prunk und Verzierungen beugt, wird hier einfach nur Ziegel auf Ziegel geschlichtet. Einzelne Schmuckstücke wie die Dreifaltigkeitsstatue oder der Hundertwasserbrunnen wirken fast fehl am Platz, sogar der Eingang zur Stadtkirche versteckt sich hinter einem Durchgang.
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„Adolf“, ruft eine ältere Dame ihrem Mann nach, der ihr auf der schneenassen Straße enteilt – nein, dies ist keine erfundene „Spiegel“ Reportage. Neugierig folgt man den beiden ins Innere der Konditorei Schön, wo die Zeitreise weitergeht, zumindest was die Einrichtung betrifft, die seit der Eröffnung nicht ausgewechselt worden sein kann. Ein älterer Herr debattiert mit der Kellnerin übers Wetter und darüber, dass sich dieses Jahr weiße Weihnachten ausgehen könnte, während es draußen die Stadt einschneit. Ein anderer Gast erklärt der Frau am Nachbartisch, dass er hier nur Illustrierte liest, weil die großen Zeitungen nicht auf die schmalen Tische passen.
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Ohne Adolf zieht man weiter ins Beisl nebenan, wo sich die Stimmung deutlich ausgelassener zeigt, die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein, um das erste Skirennen der Saison zu verfolgen. Es riecht so, als wären fünfzig offene Bierfässer im Raum aufgestellt, man fragt sich, ob man irrtümlich in die Zwettler Brauerei abgebogen ist. Um 11.48 heulen plötzlich wie aus dem Nichts die Stadtsirenen auf, was jedoch keiner der Gäste zu registrieren scheint. Wer in Niederösterreich aufgewachsen ist weiß, dass gerade kein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, sondern es sich nur um den allwöchentlichen Funktionalitätstest der Lautsprecher handelt. Auch wenn im scheinbar hintersten Winkel des Landes jegliche Katastrophe fern zu sein scheint, ist die tschechische Grenze doch nicht weit.
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Viel größer dagegen ist die Distanz zur Heimat der Besitzerin des Smile Chinarestaurants am Stadtrand: Vor fünf Jahren folgte sie ihrem Mann und zog aus dem Süden des Reiches der Mitte ins Waldviertel, was ein ähnlicher Kulturschock sein muss, wie wenn man seinen Wohnsitz vom Mars auf die Erde verlegt. Dennoch scheint sie sich bereits bestens integriert zu haben: Sie schwärmt von der Ruhe, die man hier hat und der wunderschönen Natur, alleine diese Aussagen werden ihr hoffentlich die Rot-Weiß-Rot Card sichern. Nur die Winter seien schon hart, fügt sie hinzu. Ein Einheimischer habe ihr bei der Ankunft gesagt, dass es im Waldviertel nur zwei Temperaturen gäbe: kalt, oder sehr kalt.
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Zur Abendstunde steht ein Besuch der Brauerei an, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Eine überraschend große Gruppe versammelt sich im Shop der Anlage, die Dame begrüßt die Anwesenden. Ob sie selbst jedes Mal alle Biere verkosten würde, fragt einer der jungen Männer, was mit lautem Gelächter quittiert wird, auch unsere Anführerin lächelt freundlich mit, obwohl sie die Witze bereits von den vorhergegangen 53 Rundgängen des Jahres kennt. Einer der anwesenden Wiener meint, er würde gerne jede Woche kommen, wenn es nicht so weit weg wäre, denn in Wien bekommt man das gute Zwettler Bier ja leider kaum wo. Obwohl hier in einer der wenigen verbleibenden Privatbrauereien Österreichs vielleicht tatsächlich eines der wohlschmeckendsten Biere des Landes hergestellt wird, machen die Waldviertler, wie aus allem anderen auch, kein großes Aufsehen darum. Ein herbes, aber nicht bitteres Bier, lautet das Motto der Brauerei, es sollte auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Nicht nur die Brauereiangestellte ist sichtlich stolz auf das Getränk made in Waldviertel, auch die überwiegend aus der Region stammenden Anwesenden nicken anerkennend. Auf Englisch wird kein Programm angeboten, erfährt man auf Nachfrage, Zwettl und sein Bier sind für die Einheimischen reserviert. Während in die ums Eck liegende Wachau schiffsweise amerikanische Touristen über die Donau angekarrt werden, müssen die Österreicher im Waldviertel unter sich bleiben.
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Zum Abendessen geht es ins Wirtshaus im Demutsgraben. Die alte Gaststube scheint hier seit Jahrhunderten unberührt, der Wirt ist ein Original, wie man es nur an einem Ort wie diesem finden kann – auch wenn der rüstige Herr nicht von hier, sondern aus Tirol stammt. Ein Gast aus Wien ist extra noch geblieben und nimmt den Nachhauseweg bei Eis und Dunkelheit in Kauf, nur um noch einmal die berühmten Erdapfelknödel zu verkosten. Der Wirt nimmt dieses Kompliment sowie die Bestellung kommentarlos zur Kenntniss, was sollte er auch antworten. Schließlich sind seine Hausmannskost genauso wie das Waldviertel selbst eine raue Schönheit, bei der sich niemand jemals die Mühe gemacht hat, sie glatt zu polieren. Wer sie dennoch erkennen kann, den lässt sie nicht mehr los, und den wird auch die Kälte des Winters nicht von einem Besuch abschrecken, und umgeben von Bäumen, Schnee und Stille wird sie ohnehin wieder zu einem schützenden Umhang vor dem bösen Rest der Welt.
Jeder Wiener hat sie: diese eine Geschichte über das „Bermuda Dreieck“. Erzählungen, ja vielmehr Legenden, die in feuchtfröhlichen Runden immer wieder heraus gekramt werden. Meine ist diese: im zarten Alter von fünfzehn Jahren habe ich hier auf einem, vom verschütteten Bier klebrigen Tisch stehend, einer Kellnerin einen Heiratsantrag gemacht. Fünfzehn Minuten später übergab ich mich in einem U-Bahn Wagon (es tut mir immer noch leid, Wiener Linien).
Heute scheinen solch unbeschwerte Tage der Jugend noch weiter entfernt, als sie es ohnehin sind. Vor den Lokalen sind Blumen aufgebahrt, Markierungen der Tatorte sind auf den Boden gesprayed. Die vier Einschusslöcher einer Glastür sehen aus wie eine Filmkulisse. Vor dieser versucht eine Frau eine Kerze anzuzünden, doch der Wind bläst sie immer wieder aus, bis ein Passant zu ihr geht und seine Hände schützend über die Flamme hält.
Wo sonst das Leben pulsiert, liegt heute eine Stille über der Seitenstettengasse. In Wien ist die Ruhe ein heiliges Gut. Sie wird verordnet, eingemahnt und gepredigt. Sie ist das Erste, was neue Wiener annehmen müssen, wenn sie hier ankommen. Schnitzel essen ist keine Pflicht, Falco muss nicht jeder mögen – aber bei den Ruhezeiten gibt es keine Kompromisse. Dessen ungeachtet gibt es auch in Wien Orte, an denen diese Regel außer Kraft gesetzt wird. Der nahegelegene Schwedenplatz ist so einer: es ist der räudigste Fleck der gesamten Innenstadt, und genau deshalb ist er so wunderschön. Hier darf jeder im Sommer sein Eis auspatzen und im Winter die Sauce der Nudelbox auf den eisernen Sitzgelegenheiten verteilen. Hier ist Wien nicht Schönbrunn, wo man keinen Grashalm umknicken darf und keine Hofburg, wo man mit jedem Schritt jahrhundertealte Geschichte unter den schmutzigen Schuhen tritt. Dieses Viertel ist zum Leben da, und zum Laut sein. Doch seit drei Tagen herrscht hier Stille. Es ist nicht das bloße Fehlen von Geräuschen, es ist vielmehr ein Zustand, der grundlegend falsch ist, der beklommen macht, einen die Tränen in die Augen treibt. Wenn hier im Herzen Wiens der Ton abgedreht wird, dann schlägt die ganze Stadt leiser.
Es liegt in unserer menschlichen Natur, dass wir auch die schlimmsten Ereignisse verarbeiten können. Dass wir Kriege, Seuchen und Katastrophen wegstecken, aufstehen und weitermachen. Als einzige Spezies des Planeten sind wir uns unserer Endlichkeit bewusst, wir haben sie zwar nicht akzeptiert, aber doch zumindest verdrängt. So haben wir als Menschheit im Laufe der Jahrhunderte viel Unfassbares durchstehen können. 2020 schien einen sowieso nichts mehr erschüttern zu können, in diesem Jahr, in dem Corona über eine Million Leben gefordert hat. Aber wenn ein Virus tötet, liegt das in dessen ureigener Natur. Wenn ein Mensch vollkommen grundlos und willkürlich andere Menschen umbringt, ist es gegen eben diese. Bei allem Schrecken, den das Coronavirus verbreitet, ist es doch etwas, das wir irgendwie verstehen und als Teil des Lebens akzeptieren können. Bei einem Menschen, der mit einem Sturmgewehr im Herzen Wiens wahllos um sich schießt, endet die Grenze unseres Fassungsvermögens.
Nach dem schlimmsten Tag Wiens, dem Tag des Attentats, folgt der wundersamste: Eine Stadt, die sich durch das Grantig-Sein definiert, die gerne ihre Ellbogen ausfährt, kniet nieder und zeigt ihr wahres Ich. Menschen helfen einander. Öffnen die Türen ihrer Wohnungen für Wildfremde. Sitzen bis spät in die Nacht zusammen und beschützen einander. Fahren andere ohne Bezahlung durch die Stadt, damit jeder sicher nachhause kommt. Feiern Lebensretter, die einer Religion angehören, wegen der sie normalerweise schief angeschaut werden. Ein Jahrhunderte alter Mantel aus schlechter Laune wird innerhalb eines einzigen Tages abgestreift und man fragt, sich ob Wien jemals anders war als heute.
Vor einer der Trauerstätten steht eine Gruppe von Polizisten. Sie kämpfen sichtbar mit den Tränen, genauso wie eine Frau mit Kopftuch neben ihnen. Abseits des Viertels kehrt am Tag drei nach Wiens schlimmsten Stunden langsam wieder Normalität ein. Politiker zeigen mit dem Finger aufeinander. Einige der Lebensretter weisen Scharten in ihren Biografien auf. In den Supermärkten ruft man zwar noch nicht grantig nach der zweiten Kassa, wird aber langsam ungeduldig. In einer Woche werden Politiker in diesem Land den Anschlag als Rechtfertigung missbrauchen, noch härter gegen Menschen in Not vorzugehen. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt um zu versuchen zu verstehen, was mit einem Zwanzigjährigen passieren muss, damit er so weit kommt, sich eine automatische Waffe zu besorgen und damit auf Menschen zu schießen, die ihm nie etwas getan haben, die er noch nicht einmal gekannt hat.
Wir alle können daran arbeiten, dass es besser wird. Indem wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern weiter vereint stehen und zeigen, dass Wiener die wunderbarsten, selbstlosesten und hilfsbereitesten Menschen der Welt sein können. Lasst uns gemeinsam grantig sein, anstatt jeder für sich.
Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Obwohl dieser Ernstfall für mich glücklicherweise auch ein halbes Jahr nach dem Lockdown noch nicht eingetreten ist, war ich erstmals mit der abgeschwächten Form konfrontiert: Ich kenne nun jemanden, der an Corona erkrankt ist. Täglich erkundige ich mich auf Whatsapp nach dem Zustand der Betroffenen.
Mittwoch: Die Diagnose Im Email Postfach liegt das Urteil „H* positiv“. Die Betroffene interpretiert es trotz jugendlichem Alters und keiner Vorerkrankungen als Todesurteil. Erste Verabschiedungsbriefe werden verfasst, sie spricht von sich selbst bereits in der Vergangenheitsform.
Donnerstag: Packerlsuppe Ein starker Fieberschub tritt ein. Die Grießnockerlsuppe aus dem Packerl schmeckt trotz höchstmöglicher Konzentration von Geschmacksverstärkern nach nichts mehr. Gerüche haben sich aus ihrer Welt verabschiedet. Die Patientin hat sich mit dem Ende abgefunden, ein wienerischer Zugang mit dem Tod tritt ein, so schlimm kann es gar nicht werden.
Freitag: Kein Superspreader Arbeitskollegen und Familie der Betroffenen wurden negativ getestet. Erleichterung macht sich breit, zwar ist sie selbst verloren, aber zumindest würde sie niemand anderen ins Unheil mitreißen.
Samstag: Ausnahmezustand Zusätzlich zu Corona hat die Patientin nun auch noch die Regel. Ein emotionaler Ausnahmezustand tritt ein.
Sonntag: Besserung Die Betroffene schickt mir Fotos von sich, in denen sie in einen Apfel beißt. Der dringende Wunsch nach Alkoholkonsum und Freigang wird geäußert. Ich werte das als Zeichen der Besserung.
Montag: Billa-Hotline Rückschlag: Stark geschwollene Beine haben dafür gesorgt, dass die Betroffene in der Nacht kein Auge zugemacht hat. Verzweifelt ruft sie in der Früh die 1450-Hotline an. Dort erhält sie die Nummer für ein Ärztezentrum, das sie aufgrund ihrer starken Schmerzen sogleich anruft. Doch am anderen Ende meldet sich kein Arzt, sondern die Billa-Zentrale. Die Patienten wähnt sich in einem kafkaesken Fiebertraum gefangen. In Tränen aufgelöst vertraut sie sich dem Billa-Telefonisten an. Dieser ist bereits geschult mit der Situation, es ist nicht der erste Anruf, bei dem es nicht um Probleme mit dem Online-Shop geht: offenbar gibt es bei der von 1450 ausgegebenen Nummer eine Überschneidung mit der Billa-Zentrale. Mit ruhiger Stimme gibt er der Patientin die richtige Nummer, die er sich eigens auf einem Post-It notiert hat, das auf seinem Bildschirm klebt. Folgsam ruft die Patientin bei der neuen Nummer an und bekommt nun endlich einen Arzt ans Telefon. Es spielt sich folgender Dialog ab:
Arzt: „Nehmen Sie eh Ihre Medikamente?“
Erkrankte: „Ich habe nie welche bekommen“
Arzt: „Sie müssten seit einer Woche Medikamente nehmen, damit das Virus nicht auf die Lunge schlägt“
Erkrankte: „Davon habe ich nie was gehört – mir wurde gesagt, dass ich eben keine Medikamente nehmen darf. Ich kann kaum mehr aufstehen, weil mir die Füße so weh tun“
Arzt: „Haben Sie schon Ihren Absonderungsbescheid bekommen?“
Erkrankte: „Nein“
Epilog Die Patientin hat mittlerweile Medikamente und Absonderungsbescheid erhalten. Sie befindet sich am Weg der Besserung.
Eine Kopftuch tragende Frau inhaliert den farblosen Rauch, der durch den Gummischlauch einer Wasserpfeife in ihren Mund schießt. Anschließend bläst sie ihn aus, hinweg über die Neue Donau, wo das fragile Gemisch aus Teer, Tabak und Apfelaroma über dem leuchtend blauen Wasser eine Sekunde lang eine geschlossene Einheit bildet. Doch kurz darauf wird die kleine Wolke bereits von einem Windstoß aufgefangen und zurück ans Ufer geweht. Vom übermächtigen Sauerstoff bis ins nahezu Unkenntliche verdünnt, treffen die Überbleibsel auf die Gesichter der unzähligen anderen Badegäste, die an diesem heißen Wiener Sommertag Abkühlung suchen. Alles, was sie von der winzigen Dosis des Lungengiftes wahrnehmen, ist der angedeutete Hauch einer aufgeschnittenen Apfelspalte.
Während ein Sommer in seiner türkischen Heimat endlos ist, sind Tage wie dieser in Wien kostbare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann
Die Frau mit dem Kopftuch nimmt einen weiteren Zug, bevor sie den Schlauch an ihren Mann weiterreicht. Dieser wirft einen sorgfältigen Blick auf die langsam verglühende Kohle des aluminiumbedeckten Kopfes der Wasserpfeife. Zufrieden mit seiner Arbeit nimmt er einen tiefen Zug und schließt genießerisch die Augen, so als wollte er jedes kleinste bißchen dieses kostbaren Tages einsaugen. Während ein Sommer in seiner Heimat endlos ist, sind Stunden wie diese in Wien rare Schätze, die oftmals zerrinnen, bevor man sie richtig greifen kann.n
Mit immer noch geschlossenen Augen greift der Familienvater zielsicher auf eines der Produkt aus seiner alten Heimat, die in einem weiten Halbkreis auf der Wiese verteilt liegen. Sogar die Mineralwasserflaschen haben eine türkische Aufschrift, sei es als stiller Trotz gegen das vielgerühmte Wiener Leitungswasser, oder einfach nur als Überbleibsel der eigenen Herkunft, die man nicht aufgeben möchte.
Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal.
Neben des zwar provisorischen, aber äußerst aufwendig errichteten türkischen Dorfes, liegen auf deutlich simpleren Unterlagen oder einfach direkt im Gras Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ein Chor aus orientalischen Sprachen und Balkandialekten, gemischt mit dem wienerischen Crescendo eines aus der nahen Brigittenau angereisten Hausmeisters, liegt als permanenter Geräuschpegel über dem Areal. Hier, an der U6 Station Neue Donau, darf Wien das sein, was es gerne öfter wäre: eine vor Lebendigkeit pulsierende südeuropäische Metropole, in der jeder von überall herkommt, und wo alle willkommen sind.
Während die Wiener Sommerstunden verrinnen, steigt die Temperatur weit über die dreißig Grad Marke. Von der Hitze unbeeindruckt schlägt eine Gruppe asiatischer Frauen neben den Türken ein neues Lager auf. Ihr Reich besteht vor allem aus aufwendig zubereiteten Speisen, die in Tupperware-Behältern aller Farben, Größen und Formen mitgebracht wurden. Irgendwann stößt ein Mann zu der Gruppe, der die Damen zwar zu kennen scheint und auch ihre Sprache spricht, der aber dennoch nicht mit ihnen auf dem Handtuch sitzen darf. Hungrig schielt er auf die dargebotenen Köstlichkeiten, bis ihm endlich eine der Frauen einen köstlichen Behälter gebratener Nudeln reicht.
Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch.
Im Bereich des einzigen Baumes direkt am Ufer im Umkreis von zweihundert Metern ist mittlerweile kein Fleck Wiese mehr frei. Man liegt dicht auf dicht, was außer dem Corona-Babyelefanten niemand zu stören scheint. Man erfreut sich an der Gemeinschaft, anstatt sich über die anderen zu ärgern. Hier passiert etwas, das in Wien sonst kaum erwünscht ist: Fremde Menschen kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, und sogar Ur-Österreicher legen plötzlich jede Menschenscheu ab: Eine ältere Dame mit leuchtend weißer Haut unterhält sich mit zwei jungen verschleierten Mädchen. Neugierig fragt sie, warum die Damen erst ihr Gesicht verbergen, um fremde Männer nicht in Versuchung zu führen, um sich dann dicke Schminke um die Augen aufzutragen, die sie erst recht noch reizvoller erscheinen lässt. Ein Mann aus dem Irak gesellt sich zu der Gruppe, und auch wenn kaum jemand Deutsch spricht, funktioniert die interkulturelle Kommunikation bestens.
Manchmal scheint es, als wären die Deutschen extra nach Wien gezogen, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.
Doch auch reines Hochdeutsch ist zu hören, von zwei Studentinnen aus Hannover. Die eine schwärmt von ihrem letzten Backpacker-Trip nach Kambodscha, der sie auf eine geheimnisvolle Insel gebracht hatte. Nie wieder, erzählt sie der staunenden Freundin, habe sie von dort weggewollt, weil dort die wildesten Partys der Welt gefeiert werden. Nach zwei Wochen jedoch hatte sie genug gehabt, und wollte den mit einem Mal schrecklich gewordenen Ort so schnell wie möglich verlassen. Eine Affäre mit einem Schwarzen aus Amerika war schief gegangen, denn sie erwarte von einem Mann, dass dieser sie rund um die Uhr betreue, und der Amerikaner hatte diesen Ansprüchen nicht genügt. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, der das Gespräch mithört. Er lehnt sich zu seiner Frau und meint, dass die Deutschen nur deshalb nach Wien gezogen sind, um die Wiener lässiger aussehen zu lassen.
Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig Wien ohne die Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht gäben würde.
Immer weitere Menschen strömen von der Ubahn ans kühlende Ufer der Donau. Auf den Schultern trägt ein junger Mann eine Palette Dosenbier, das anschließend warm getrunken wird. Man ist hier nicht zimperlich, der siebente Bezirk mit seinen Moscow Mules ist Welten entfernt. Die einzige gastronomische Einrichtung ist ein Eisstand, der Twinni, Cornetto und andere Besteller der letzten Jahrzehnte verkauft. Wenn in diesem Wahlkampf wieder davon gesprochen wird, dass Wien nicht Istanbul werden darf, sollten wir bedenken, wie langweilig die Stadt ohne ihre Ausländer wäre, und dass es magische Flecken wie diesen nicht geben würde. Wien darf immer Istanbul, Belgrad und Kabul bleiben und muss sein multikulturelles, pulsierendes Herz diesseits und jenseits der Neuen Donau bewahren.
An einem frühsommerlichen Donnerstagnachmittag im April scheint der Wiener Auer-Welsbach-Park in den Sommerferien zu liegen. Auf der großen Wiese wirft eine Gruppe Studenten einen Frisbee von einem zum anderen. Mütter schieben ihre Kinderwägen nebeneinander her, während sie sich über Bewältigungsstrategien für den beschäftigungslosen Nachwuchs austauschen. Ein Polizeiauto fährt im Schritttempo über den Kiesweg, der den Park von Osten nach Westen durchschneidet. Die Blicke aus dem Inneren des Fahrzeuges schweifen über die gut gefüllte Anlage, doch die Beamten schreiten nicht ein. Wer möchte schon entscheiden, wo das Verbot anfängt, und die Freiheit aufhört?
Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.
Ich setze mich auf eine Bank, penibel darauf bedacht, den Sicherheitsabstand zu einem älteren Herren einzuhalten, der zwei Bänke weiter mit nacktem Oberkörper die Wärme genießt. Er verschließt die Augen, vor der grellen Sonne, aber auch vor der tödlichen Gefahr, der er sich durch seine bloße Anwesenheit im öffentlichen Raum aussetzt. Weil man sich seit Corona einfach so auch mit Fremden unterhält, kommen wir ins Gespräch. Wir sprechen darüber, dass während Krankenpfleger in den Spitälern um menschliche Leben kämpfen, Supermarktmitarbeiter leergekaufte Regale nachschlichten oder Apotheker Extraschichten schieben, wir Nicht-System-Erhalter hier im Park die Stunden verstreichen lassen. Er erzählt mir von seinem Enkel, der jetzt mehr Geld als vor der Krise hat, weil es im Supermarkt keine Fernseher, Videospiele oder neue Boxen für sein Auto gibt. Doch so kann es nicht weitergehen, führt er aus, denn wenn alle nur mehr das kaufen, was sie wirklich brauchen, kann unsere Wirtschaft nicht weiter bestehen.
Das Geld müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.
Ohnehin versteht er nicht, wie das alles noch funktioniert und rechnet mir vor, dass 560.000 Menschen in Österreich arbeitslos sind. 2,5 Millionen beziehen Pensionszahlungen. 1,3 Millionen sind Schüler, die vom physischen Unterricht befreit sind, genauso wie 375.000 Studenten nicht an ihre Universitäten können. Das Land steht auf Pause, meint der alte Herr, doch obwohl scheinbar niemand mehr da ist, der die ausfließenden Staatskassen auffüllt, stellt die Regierung ein 37 Milliarden schweres Hilfspaket auf die Beine. Er fragt mich, wie sich das ausgeht, und woher dieses Geld kommt. Es müsse wohl irgendwo einfach gedruckt werden, damit wir weiterhin hier im Park sitzen können in der Gewissheit, dass das alles nicht das Ende bedeutet, sondern nur eine vielleicht einmalige Unterbrechung in unserem Leben.
Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen.
Da ich keine Antworten auf seine Fragen habe, möchte ich vom ihm wissen, ob er Angst hat, sich anzustecken, wenn er sich hier draußen aufhält. Er lächelt mich an und antwortet, dass er letztes Jahr eine Chemotherapie durchgemacht hat, die ihn fast das Leben gekostet hat. Seither kommt er jeden Tag hierher in diesen Park. Er sieht den Leuten beim Spazierengehen und den Bäumen beim Wachsen zu. Er hört den Vögeln zu wie sie singen, und den Straßenkehrern, wie sie in fremden Sprachen wehmütig von ihren nun hinter verschlossenen Grenzen liegenden Heimatländern schwärmen. Seit dem Krebs hat er keine Angst mehr, erzählt er mir, denn wenn man einmal das Schlimmste hinter sich hat weiß man, dass es auch wieder besser wird. „Mei Krebs kann sich dann mit dem Corona ausschnapsen, wer das Licht odraht“, erklärt er mir in breitem Wienerisch und fügt abschließend hinzu, dass einen der Tod auch in der eigenen Wohnung findet.
An dem eisernen Eingangstor zum Schlosspark Schönbrunn hängt ein Schild mit der Aufschrift „wegen Corona vorübergehend geschlossen“. Gerade eben hat mir ein Freund ein Foto vom Augarten geschickt. Dieser ist ebenso versperrt, doch im zweiten Bezirk regt sich Widerstand schneller als in Hietzing: „Sperrts auf es Heisl“ fordert dort jemand auf einem an der Pforte angebrachten Plakat, während sich die Bewohner hier im Westen der Stadt noch fügen. Hietzing und die Leopoldstadt trennen Welten.
Mein Nachbar kommt mir entgegen, ich bin unschlüssig was nun zu tun ist, und ob wir uns unterhalten dürfen. Man könnte einfach weitergehen, so tun, als hätte man den anderen nicht gesehen. Es wäre dies ein völlig akzeptables Verhalten im Wien vor Corona – doch nun ist alles anders: Die isolierte Stadt sehnt sich nach Austausch und Zuwendung, und auch wir begrüßen uns freundlich.
Aufgeregt ergreifen wir die unerwartete Gelegenheit, mit einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Unsere Fähigkeit Smalltalk zu führen scheint leicht eingerostet, es ist eine ungewohnte Situation, außerdem kennen wir uns kaum. Obwohl er in der Wohnung gegenüber lebt, haben wir in den vergangen Jahren kaum mehr Worte gewechselt als ein gelegentliches „Hallo“ im Stiegenhaus. Heute erfahre ich, dass er alleine wohnt und seine Freitagabende normalerweise feiernd in Bars verbringt, um dann am Samstagvormittag verkatert im Bett zu liegen. An diesem Wochenende hingegen steht er vor der Wahl zwischen einem Serienmarathon auf Netflix, oder einem auf Amazon Prime. Gerade vorhin hat er in seinen Kalender geblickt, sein nächster Termin ist in zweienthalb Wochen. Sogar auf Tinder sei mittlerweile tote Hose – ohne die Möglichkeit eines realen Treffens sei der Reiz des virtuellen Chattens dahin.
In der Zeitung liest er von Eltern, die keine freie Minute mehr haben, weil sie ihre plötzlich beschäftigungslos gewordenen Kinder betreuen müssen. Er dagegen ist Kellner, von der Arbeit freigestellt und hat in seiner Verzweiflung die Tage zu füllen sogar mit Yoga begonnen. Früher hatte er oft den Eindruck, seine Freunde mit Kindern würden etwas verpassen, wenn sie ihre Wochenenden mit Windeln wechseln statt mit brunchen gehen verbrachten. Doch nun, wo die Brunchlokale und Bars geschlossen sind, gibt es nichts mehr, was man verpassen könnte.
Wenn wenigstens Schönbrunn geöffnet wäre, echauffieren wir uns, erleichtert darüber, ein gemeinsames Problem gefunden zu haben. Es ist eine Angelegenheit, die derzeit die ganze Stadt zusammenschweißt: Wenn wir doch nur diese wunderbaren Bundesgärten wieder aufsperren könnten, dann wäre das alles halb so schlimm. Bevor wir uns verabschieden blicken wir einen Augenblick lang gemeinsam sehnsüchtig durch die Gitterstäbe, so als wäre jenseits von ihnen die Antwort auf dieses Schlamassel zu finden, so als würde hinter diesem versperrten eisernen Tor eine Welt ohne Corona liegen.
Hoch über dem Wienfluss verliert ein ruhig dahingleitendes Flugzeug im Landeanflug innerhalb weniger Sekunden hunderte Meter an Höhe. Wer hier unter einer der Haupteinflugschneisen der Stadt lebt, bemerkt die normalerweise im Minutentakt einfliegenden Maschinen nicht mehr. An diesem Tag bleibe ich stehen und blicke in einen strahlenden Himmel, den der Pilot heute nur mit der Sonne teilen muss. Nach ihm kommt keiner mehr, und auch vor ihm war stundenlang nichts.
Nicht nur zehntausend Meter über dem Erdboden, sondern auch unten auf den Straßen Wiens ist Ruhe eingekehrt. Selbst in dieser die Stille vergötternden Stadt hat diese eine bisher ungekannte Dimension erreicht. Gleichzeitig mit dem Abschwingen des Klanges legt sich eine dämpfende Tatenlosigkeit über das eigene Handeln.
Noch vor wenigen Wochen war nichts unmöglich: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schien fast jeder Punkt der Erde erreichbar. Wir aßen in Paris Croissants zum Frühstück und schlürften zum Abendessen Nudelsuppen in Bangkok. Wir begannen den Tag mit einer alten Liebschaft in Wien, um ihn mit einer auf dem Handy kennengelernten Affaire in Rio de Janeiro zu beenden. Nun ist alles anders: Es gibt keine Flugzeuge mehr, in die wir steigen können. In der häuslichen Isolation lassen sich keine Affairen küssen. Übers Wochenende nach New York sausen, um dort dieselben Dinge einzukaufen, die wir sonst auch auf der Mariahilfer Straße bekommen, ist unmöglich geworden. Doch anstatt vor Langeweile zu verzweifeln, wird diese Beraubung aller Optionen zur Befreiung.
Minutenlang starrt mein Sohn eine Blume am Wegrand an. Plötzliche verstehe ich, was er an ihr so spannend findet. Oder daran, begeistert einen Stein nach dem anderen ins Wasser des Wienflusses zu werfen. Wo ich früher nur einen schäbigen Kanal wahrnahm, entdecke ich heute mehr, als bei meiner letzten Asienrundreise: Pflanzen, Bäume, Gräser und Tiere, die ihre Köpfe nach einem langen Winter empor recken. Die erstaunt eine Luft einatmen, die ganz anders riecht, nämlich einfach nur nach Luft, auch sie hat sich ihrer Ballaststoffe entledigt. Der wenige Meter schmale Strom ist nicht der schönste Fleck Wiens – aber er ist der schönste Fleck in meiner plötzlich eng begrenzten Welt. All die Sehnsuchtsorte, all die breiteren, schöneren, blaueren Flüsse und Meere da draußen existieren nicht mehr. Heute, morgen, und nächste Woche gibt es nichts weiter zu tun, als hierher zu kommen, und jeder für sich ein paar Schritte zu gehen.
Nach langem kommt mir ein Spaziergänger entgegen, und das in Wien Undenkbare geschieht: obwohl wir uns nicht kennen, lächeln wir einander freundlich an. Während ich umdrehe und wieder nachhause gehe frage ich mich, ob das nun die neue Welt ist. Ob uns jemand da oben, kurz vorm Weltuntergang, noch einmal eine allerletzte Chance geben wollte, es besser zu machen. Wir alle, lasst es uns besser machen.