17/02/2019

“Des is aber wenig Trinkgeld für so an Haufen Klumpat”, kommentiert der Mann an der Garderobe die gerade erhaltene „freie Spende“ eines Besuchers. Missmutig und nach einem nur ihm verständlichen System verteilt er den vor sich liegenden Kleiderhaufen auf die Kleiderhaken hinter sich. Eilig legt der Besitzer der Jacken noch zwei Euro nach, was seinem Gegenüber ein zufriedenes Grummeln entlockt - der Kapitalismus hat die Anarchie der Arena in die Flucht geschlagen. Auch sonst hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten: die ehemals schäbige Halle wurde umgebaut, im Hof werden neben Käsekrainern mittlerweile auch Crepes serviert. Die in früheren Tagen vorm Eingang herumlungernden Punks, die ihre Dosenbiere lieber von der nahen Tankstelle statt aus der Arena geholt haben, sind ve...

20/01/2019

An einem Freitagmorgen steht am Fuße eines riesigen Flugzeuges ein winzig aussehender Mann. In wenigen Minuten wird er in den Himmel aufsteigen, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. Dort wohnt seine Schwester, die sich soeben einen neuen Hund angeschafft hat, den sie ihrem Bruder vorstellen möchte. Er wird sich kaum achtundvierzig Stunden an seiner Wochenenddestination aufhalten, um anschließend fast genauso lange 10.000 Kilometer über dem Boden schwebend die Rückreise in seine Heimat anzutreten. Falls die drei dazu notwendigen Linienflüge keine Verspätungen haben, wird der Mann bereits am Montag wieder zurück im heimatlichen Büro sitzen. Die Welt weiß von seinem Ausflug, weil er in einem sozialen Netzwerk darüber berichtet, wenn auch nicht sehr ausführlich, denn sein Kurztri...

01/01/2019

Das alte Jahr liegt auch hier, an der Peripherie Wiens, in seinen letzten Atemzügen, genauso wie man selbst, während man keuchend der abfahrbereiten Ubahn hinterher läuft. In letzter Sekunde schafft man es hineinzuspringen, bevor sich die Türen für immer schließen. Gleich darauf würde zwar der nächste Zug in Richtung Zentrum einfahren, doch das zählt genauso wenig wie die Tatsache, dass nach dem Ende eines alten Jahres immer auch ein neues beginnt. So muss in den letzten zwei verbleibenden Stunden alles erledigt, alles wiedergutgemacht, und alles erlebt werden, wozu ein ganzes Jahr lang keine Gelegenheit war.

Am Ziel angekommen macht sich endgültig Unruhe breit. Die Stimmung ist lauwarm anstatt, waaait for it: legendary! wie es in den Sitcoms vorgeschrieben wird, deren Drehbücher...

22/12/2018

Das Erste, was einem auffällt, ist die Stille. Wer aus dem weihnachtlich-wahnsinnig gewordenen Wien ins besinnliche Waldviertel flieht, der kann sich selbst zum ersten Mal seit Wochen wieder beim Atmen zuhören. Normalerweise legt dieser Landstrich erst im Hochsommer seinen großen Auftritt hin: Wenn Wien unter einer Jahr für Jahr anwachsende Zahl von Hitzetagen brennt, dienen die kühlen Nächte der Region als offizieller Werbeslogan. Zwei Monate lang ist das Waldviertel Fluchtdestination für schweißgebadete Großstädter. Anfang September, wenn die Tage kürzer werden und die Nächte langsam wieder endlos, versinkt dieser Flecken Niederösterreichs in einen zehnnmonatigen Winterschlaf und verschwindet von der Landkarte. Denn wer im Winter, wenn das Wetter auch in Wien grauenhaft kalt,...

25/11/2018

Plötzlich ist man Vater. Auch wenn man neun Monate Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten, ist der Übergang zur Vaterrolle kein langsam gleitender. Vielmehr fällt in einer letzten, tief seufzenden Wehe plötzlich ein Kind vor einem auf den Geburtstisch, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der ein Parkschein aus dem Automaten einer Tiefgarage gezogen wird. Es gibt keinen magischeren Moment im Leben als die Geburt des eigenen Sohnes, heißt es. Die Wahrheit ist, dass man sich während einer langen Nacht im Kreissaal fragt wie es sein kann, dass es weder die Evolution, noch der liebe Gott oder zumindest die Wissenschaft bisher geschafft haben, diesen Vorgang etwas weniger schmerzhaft und qualvoll zu gestalten. Auch wenn im Kreißsaal fünf Hebammen, eine Ärztin und ein hilfloser...

27/10/2018

Es war zwar nie geplant, aber irgendwann ist es einfach passiert: man ist erwachsen geworden. Ob nun mit achtzehn, zwanzig, dreißig oder der Geburt des ersten Kindes - der genaue Zeitpunkt ist schwierig zu definieren, wahrscheinlich war es ohnehin mehr ein fließender Übergang, ein über die Schwelle geschubst werden, als man kurz nicht hingesehen hat, und als man es dann realisiert hat, war die Tür zurück bereits für immer verschlossen. Die Zeit dreht sich schließlich nur vorwärts, und so einleuchtend das klingen mag, muss dieses unwiderrufliche Faktum dennoch erst selbst erfahren werden, um es zu glauben. Aber sobald man das bemerkt ist es bereits zu spät, die Jugend ist tatsächlich an die Jungen verschwendet. Doch ohne Verschwendung könnte man nicht jung sein, wer mit sechzehn...

14/07/2018

Alle vier Jahre erhält der Alltag eine Pause. Einen ganzen Monat lang muss man nicht darüber nachdenken, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht, denn es ist Fußball-WM. Plötzlich liegt jeglicher Fokus auf dem Abschneiden von elf Menschen aus Ländern wie Costa Rica, Südkorea oder Tunesien, deren Namen man zwar nicht buchstabieren oder gar aussprechen kann, mit denen man aber mitfiebert, als ginge es um das eigene Leben. Spiele, die man sich normalerweise nicht einmal als Katerprogramm an einem langsamen Sonntagnachmittag anschauen würde, reichen plötzlich als Entschuldigung dafür aus, den halben Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Im Vorfeld musste man sich als politisch korrekter Mensch noch die Frage stellen, ob man sich diese WM in Russland überhaupt ansehen dürfe. Annek...

09/06/2018

Es ist dieser Moment, wenn die Zeit im Flugzeug ewig nicht zu vergehen scheint, man im Landeanflug durch die Luft fällt, und die Maschine in einer endlosen Turbulenz wackelt, die nie vorüber zu gehen scheint. Bis man plötzlich die Wolkendecke durchbricht und unter einem die vier Millionen Lichter der Stadt Athen aufleuchten, jedes einzelne die Hoffnung eines ganzen Lebens ausstrahlend, während mit einem Mal alles ruhig dahingleitet. Dieser eine Moment, in dem man einfach weiß, dass alles gut wird.

Flugzeuge und Himmelsstürmer

Um 3 Uhr Früh tritt der Taxifahrer auf die Bremse seines klapprigen VWs, als wir an der über uns thronenden Akropolis vorbeifahren. „Heute hat jedes Volk so etwas – aber wir, wir waren die Ersten“, erzählt er mit stolz geschwellter Stimme. Ganz egal ob die Gr...

23/05/2018

An einem frühsommerlichen Donnerstagabend rauscht der nie enden wollende Autoverkehr auf allen sechs Fahrspuren des Wiener Gürtels vorbei wie ein Wasserfall, dessen Tropfen immer weiter nach unten stürzen, bis sie schließlich an ihrem Ziel ankommen, nur um ein paar Stunden später in Dampfform wieder in die Gegenrichtung aufzusteigen. Im Gegensatz zur stärkst befahrenen Straße der Stadt ist das zwischen den Fahrbahnen gelegene namenlose Lokal in den Stadtbahnbögen spärlich gefüllt: Ein Mann sitzt einsam an der Bar und bestellt in diesem Moment sein zweites Glas Wein. Mit dem ersten stößt er ein vor sich stehendes verbogenes Kartonschild um, auf dem gleich zwei Happy Hours angekündigt werden: eine von 19-21 Uhr, die zweite von 22-24 Uhr. In dem rabattfreien Zeitfenster zwischen ne...

05/04/2018

Als Kind ist das Leben einfach: die Liebe der Eltern ist alles, was man braucht – und vielleicht noch die neueste Nintendo Konsole. Die Tage sind lang, ohne dass man darüber nachdenken würde, die Zukunft reicht nicht weiter als ein paar Stunden voraus. Eine Vergangenheit, über die man grübeln könnte, gibt es noch nicht. Man lebt in der Gegenwart, ohne zu ahnen, dass einem diese so selbstverständlich scheinende Fähigkeit bald für immer abhanden kommen wird. Denn auch wenn eine Kindheit ewig zu dauern scheint, wird sie doch spätestens durch den Keulenschlag der Pubertät beendet: während bisher kontrolliertes Wachstum angesagt war, entgleitet einem von einem Tag auf den anderen in Form von Akne und Körperbehaarung der eigene Körper. Geist und Herz ziehen schnell nach, letzteres wir...

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